Freitag, 25. Oktober 2019

Konsumspass

(Bessere Lesbarkeit am Handy bei Webversion)
Aus kleinem Anfang entspringen alle Dinge
Marcus Tullius Cicero

Besonders gewidmet allen Frauen 
mit viel A-Buchstaben im Namen.


Luciah würde wieder in ihr Einkaufszentrum fahren. Mit einer Geschichte im Gepäck für den ehemaligen RTL-Bachelor, der am Nachmittag dort eine Veranstaltung moderieren wollte.

Eigentlich hatte sie davon in der Zwischenzeit Abstand gewonnen und sich als Ersatz ja den 'weißen Elefanten' gekauft, der sie daran erinnerte nicht irgendwelchen C-Promis hinterherzulaufen. Und dann kam ja noch der Mann in ihr Leben, der diesem Jan Kralitischka verblüffend ähnlich war. Und bei jedem Aufeinandertreffen ging ihr Herz besonders auf.
Zeit also loszulassen und Neues zu beginnen.

Aber Luciah hatte ihre Rechnung ohne ihre Spiritualität gemacht. 
Die ehemalige Rose vom Bachelor und die Uhr

Sie hatte bei ihren Einkäufen im Center davor gelesen, dass genau dieser Bachelor wieder kam. An jenem Morgen frühstückte Luciah aber noch mit Fleurance. Von dort aus würde ihr Weg später zum Einkaufen führen.

Fleurance war die erste große Fair Trade Lady in Deutschland, die zu Ehren kam. Als Frühstücksbotin auf ihrem Motorrad, die Menschen mit fairen Produkten (Keine Kinderarbeit, Mindestpreise, Sozialprämie und hohe ökologische Standards) in ihrem Zuhause von der guten Sache überzeugte,  wurde sie bekannt.

Luciah hätte also allen Grund gehabt, sich gründlich auf ein schönes Frühstück vorzubereiten. Und was tat sie? Sie tat nichts. Sie kaufte nicht ein – auch weil sie erkältet gewesen war - und bereitete nichts Spezielles vor.
Na ja beinahe nichts. Einmal wöchentlich legte sie eine frische Tischdecken auf. Auch ein blanker Holztisch war nämlich ein schöner Anblick. Selbstgekochte Marmelade, Honig und Zimtcreme aus Fairem Handel, Käse, - am Morgen keine Wurst - Frischgurken und Äpfel von den eigenen Feldern waren da sowie regionaler Apfelsaft.
„Brotreste musste ich heute morgen wegen Schimmel entsorgen“, meinte ihr Mann Enrico, der abundzu den Tisch für die Familie deckte. Er und die Kinder aßen Müsli.
Kein Brot. Als typische Französin wollte Fleurance Croissants mitbringen. Na ja. Die beiden Brötchen, die sie ursprünglich für sich beim Bäcker gekauft hatte, legte sie in Luciahs Brotkorb achtsam dazu.
Mittlerweile konnte man bei den Williams zwischen Margarine und Butter wählen. Oder zwischen Kuhmilch und Sojamilch und einem Hafermilchdrink.


Aus der Dunkelheit brach ein Licht und erleuchtete meinen Weg 
Khalil Gibran

„Du musst es schönmachen“. Gott war wieder mit seiner Luciah bei ihrer nächtlichen Tour in seinem goldenen Ferrari unterwegs. Manchmal nahm er sie in ihren Träumen mit. Diesmal war eine Leuchtschrift ausgehend von ihrem Bungalow auf den Wagentür projieziert, als sie einstieg. Schon komisch, dachte sie, als sie Gott im Wagen freundlich begrüßte. Wie der Gruß war, das war heute ihr Geheimnis. Aber so dachte sie sofort, warum spricht er nicht direkt mit mir über die Schönheit des Tuns, wenn er mir dazu etwas heute auftragen will. Aber das war ihr Gott. Er hatte seine eigenen Mittel und Wege. Als kleines Signal hatte er an Luciah vorbeigesehen auf den Projektionsstrahler, von dem die Schrift kam. Und tatsächlich der hing heute Abend am Haus. Seltsam. „Du musst es schönmachen…“ War das eine Botschaft für Luciah oder von ihr? Das war nicht eindeutig.
Sobald es auf die Hauptstraße ging, spielte Gott ein Lied.


Das war seine Begrüßung. Luciah musste so lachen. Das war wirklich süß. Aus „Du musst es schön machen“ an der Autotür, wurde ein „Ich lieb Dich“ geschrieben mit einer Taschenlampe am Himmel. Waren das nicht wunderbare, verbindende Worte… Aber was würde Luciah heute Abend erleben? Sie schaute neckisch durch die Scheibe in den Abendhimmel. Sträuße von Kometen? Wow. Da konnte man sich ja was wünschen?! Was für eine Nacht. Was würde werden? Ja, sie kannte den Sänger Markus. Als junge Journalistin hatte sie das Glück ihn mal auf einer Wiese in der Nähe ihres Heimatsenders zu interviewen… Dieser Sänger hatte seinen ersten Hit…Aber das war lange her. Nun war ja eine neue Zeit. Hier mit Gott im Ferrari.
„Ich zeige Dir heute, wie man Zahnpasta selber macht und wir machen einen kleinen veganen Kochkurs“ Gott hatte seine Pläne und er wurde konkret. Wer es noch nicht wusste…. mit seinem Ferrari konnte man sekundenschnell in der ganzen Welt sein, wenn er es denn wollte.
Aber sie fuhren nicht weit. Der Ferrari rollte zum Saarbrücker Staden. Gott suchte keinen Parkplatz. Er fuhr unter einen Kastanienbaum, der vom Ferrari in der Dunkelheit angestrahlt wurde und irgendwie magisch wirbelte plötzlich das Herbstlaub um das Auto herum. Der Wind musste eingesetzt haben, aber keine einzige Kastanie fiel auf den teuren Schlitten. „Eine Wolke muss ihn wohl umgeben“, dachte Luciah während Gott gelassen dem Treiben zusah. Er hatte seine Hände vom Lenkrad genommen und ein paar Gartenhandschuhe aus dem Handschuhfach genommen. Als sich der Wind gelegt hatte, stieg er aus und begann in den Blättern vorm Auto zu wühlen.
Luciah beobachtete ihn. Zwischen ihnen herrschte sowas wie stille Übereinkunft. Sie musste ihm nicht folgen, sondern konnte sein wie sie wollte. Sie begann trotzdem im Handschuhfach nach weiteren Handschuhen zu suchen. Stattdessen fand sie eine Taschenlampe. Sie öffnete die Tür und leuchtete Gott, dass er auch neben dem Auto gut ein paar Kastanien finden konnte. Er steckte sie in seinen großen Mantel mit den breiten Taschen. „Jetzt haben wir genug“. Luciah hatte keine Angst, jemand könnte aus der Dunkelheit kommen und beide erkennen. Wer sollte das denn sein?
Dann fuhren sie weiter… Während sie so fuhren, dachte Luciah umweltbewußt. „Warum sammeln wir diese Baumfrüchte nicht im Hellen?“ fragte sie Gott. Jetzt lachte Gott. Ach ja, Luciah verstand. Vielleicht tat Gott das ja auch meistens. Nur mit seiner kleinen Luciah nicht. Die besuchte er ja nachts, wenn sie träumte. „Es geht also nicht anders für mich… “, resümierte Luciah die Gedanken und sein Lachen. Gott öffnete weiter seine Augen und sah sie von der Seite an. Sein kleiner Stern hatte verstanden.
Dann sagte Gott zu ihr: „Ich möchte mit Dir in Dubai jetzt einen Kochkurs machen.“ Luciah war nicht müde und schon immer neugierig gewesen, diese Stadt kennenzulernen. Aber für einen Kochkurs nach Dubai? Nee, nee, das musste nicht sein.
Sie plante schon mit ihren Kindern und Enrico im kommenden Jahr die Expo 2020 dort zu besuchen. Sie war in Portugal, in Hannover und in Mailand auf diesen Weltausstellungen gewesen. Für Hannover hatte sie als Journalistin gearbeitet und besondere Erlebnisse gehabt, die wegweisend nach Dubai führten. Aber nur zum Kochen dorthin? Lieber nicht! Sie war immer mit Gott in seinen Träumen mitgereist. Hatte sich überraschen lassen und war begeistert. Im Jahr 2019 – nach 17 Jahren mit ihm im goldenen Ferrari - sagte sie zum ersten Mal nein. Und das hatte seine Gründe.
Gott hatte der Menschheit die sozialen Media u.a. Instagram gebracht. „Was für eine Wohltat,“ fand die Frau mittleren Alters. Man konnte im Morgenrock von Istanbul nach Kapstadt zurück nach Dubai und Bali und dann noch nach Australien und Neuseeland mitreisen. Das Bettenmachen im Williamschen Bungalow am Morgen war beispielsweise überlagert von den Bildern der Seelöwen, die am Pier 39 in San Francisco gestrandet waren. The world wide web was calling - everywhere.

Sie fanden eine lauschige Hütte mit angrenzendem Vereinsraum mitten im Wald. Es konnte sein, dass auf dem Weg dorthin die Ferrari-Räder schmutzig werden würden. Aber MeinGott…es war sein Ferrari..noch irgendwelche Fragen?

Bereitstanden auf dem kleinen Tisch in der Küchenecke
Birkenzucker (Xylit), Natron und Bentonit Heilerde mit einem kleinen Aufkleber „aus der Apotheke“ und ein Glas. In einer kleinen Yin- und Yangdose lag etwas Zimt und getrocknete Minze für den jeweiligen Geschmack.

Luciah, die diese Location von einigen Feiern her kannte und heute Nacht vorgeschlagen hatte, wurde aktiv. Nachdem Gott anfing, Kastanien zu schälen, tat sie es ihm nach. Einer griff in die rechte Tasche, der andere in die linke. Der Standmixer, der für leckere Smoothies sonst bereitstand, zerkleinerte die schalenlosen Früchte. „Sie werden für eineinhalb Tage getrocknet“, erklärte Gott ganz menschlich. Luciah runzelte die Stirn. Wie sollte das gehen? „Na ja“, erklärte Gott seinem Schützling. „Du nimmst sie mit und stellst sie in einer Kuchenform auf die Heizung und mischst sie immer mal wieder dort oder legst sie an eine andere warme Stelle auf einem Stück Papier.“ Aber weil der Ferrari jenseits von Zeit und Raum war, stiegen beide wieder ein – diesmal ohne Licht und ohne Geräusch. Es war warm im Auto und die Frau drehte auf ihrem Schoß die neuen Kostbarkeiten immer wieder. Zurück im Vereinshaus mixte Luciah auf Anleitung die Kastanien in ein ganz feines Pulver. Gott mischte alle Zutaten zu gleichen Teilen. Dann war das Zahnpulver fertig und konnte ins Glas gefüllt werden.

Als Luciah am Morgen in ihr Badezimmer ging, fand sie das Glas neben dem Waschbecken. Ein lächender Smiley mit blitzblanken Zähnen und zwinkendem Auge war daraufgeklebt. Die Yin-Yangdose stand daneben. Optionen. Auch die Zahnpastatube lag noch da. Aber wer würde nach so einer Nacht noch herkömmlich putzen??? Luciah drehte das Glas in ihrer Hand, um es liebevoll zu begutachten. „Du und ich, wir wären beinahe in Dubai gewesen…“, dachte sie. Dann nahm sie etwas Pulver auf ihre Zahnbürste und startete in ihren Alltag.   

Fleurance kam also frühstücken. „Wir beschäftigen uns nun schon lange mit Nachhaltigkeit“, sagte die Dame im Gespräch. „Und es bedeutet Verzicht…Luciah widersprach ihr nicht. Aber nicht, wie man es bisher interpretiert, dachte Luciah ihren Träumen nachhängend. Nicht als Verzicht auf etwas, was man braucht. Das hatte Luciah vergangene Nacht gelernt.

                             Fleurance Laroppe, 2010

***
 Teil II


Gaukler


Luciahs Phantasie. Mittags im Einkaufscentrum konnten frau und mann sich verschönern lassen. Make-Up. Frisurstyling. Nageldesign.

Nur wenige fanden den Weg an die Showbühne an einem Arbeitstag, an dem das Center sein 40. Bestehensjubiläum feierte. Auch die beiden Moderatoren hatten wenig zu tun und ließen sich selbst etwas aufpeppen. Ihr Moderationsdialog zum Thema „Persönliches Styling“ fand nur wenig Anklang. Luciah, die zwischendurch Besorgungen machte, sah die gutbesuchte Eiscafe-Area oder Bäckereizone. Die Menschen waren auf "großen" persönlichen Genuß mittlerweile aus. Ein vergangener RTL-Bachelor, der neben diesem Job gerne Anwalt, Model und Handwerker war, interessierte wenig, wenn dann nur mal vereinzelt für ein Foto mit einer flotten Vierzigjährigen. Vielleicht fand man heutzutage auch alles im Internet, wo dieser Bachelor ungern Präsenz zeigte.


Jan Kralitschka, Model und RTL-Bachelor 2013


Luciah hatte bis zum Schluß gewartet bis sie Jan Kralitschka ansprach.

„Hallo, Jan.“ Er umarmte sie großherzig. 
„Hallo, ich hab Dich schon gesehen,“ sagte er lächelnd. Luciah hatte ihn in den letzten fünf Jahren öfters auf Veranstaltungen kurz gesprochen. So kannte er sie.

„Schreibst Du noch Geschichten?“

„Ja.“

„Ich kenn einen Anwalt, der hat seinen ersten Roman „Achtsam morden“ witzig geschrieben hat…einen Beststeller.“

„Ja.“

„Von dem kann er leben.“ Jan sprach das Thema Achtsamkeit, das in Luciahs Texten wichtig war, das Autorendasein und seinen Erfolg an.

„Wenn ein Buch Humor hat und dazu noch ein Krimi ist, ist ja auch spannend…“ konstatierte die sich auskennende Frau.

Luciah schrieb keine Krimis. Ihre Geschichten waren Phantasiereisen für kleine und große Kinder, die bereit waren auch mal neue Antworten auf das Leben zu suchen.

„Aber ich schreibe ja darüber, was mir begegnet“, gab die Autorin ihm gegenüber zurück. Auch wenn Luciah häufig die Umstände etwas zum Guten und auch zum Schutze aller etwas veränderte.

Eigentlich wollte sie niemanden verletzen. Nur Liebe geben. Nur zeigen, was sie so erlebte in ihrer Welt. Und mit wem sie das konnte. 
Es hatte lange gedauert bis sie auch ihre intensiven Gespräche mit ihrem Gott weitergab. ‚Hallo?‘ ‚Antwortet da jemand?‘ ‚Zeigt sich da jemand?‘ waren ja berechtigte Gedanken dabei. Als gläubige Christin, die sich mit anderen Religionen auskannte, hatte sie lange überlegt, überhaupt etwas davon mitzuteilen.


Luciah packte für Jan den großen Umschlag mit der mitgebrachten Geschichte aus.

„Kann man die auch lesen?“, fragte er zurückhaltend. Es war eine von Luciahs Geschichte, die beide verband. Die Autorin zögerte. Niemand erkannte ja sofort den Inhalt des DINA4-Paketes. Und es ging um Demut im Text. Und deren Geschenke. „So vorm Kamin am Sonntag?“, hakte Jan nach. Luciah nickte. „Ganz bestimmt.“

„Ich habe eine Zen-Meisterin, die heißt Sandy. Ich zitiere sie darin.“

„Wie eine ZEN-Meisterin, die SANdy heißt?“. Jan ließ sich das auf den Lippen zergehen. Ach, der Mann fing jetzt ja auch an, Spirituelles zu verstehen.

„Ja, so hat sie sich mir vorgestellt und wir treffen uns manchmal auf der Frankfurter Buchmesse“, antwortete Luciah korrekt.

Die Zweifel waren ausgeräumt. Jan bedankte sich für das Geschenk. (Anmerkung. Der Text heißt: Weihnachtsdinner mit einem Bachelor)
Dann sprachen sie beide noch etwas über die wenigen Besucher beim Event und seine Haltung gegenüber den sozialen Medien, die heutzutage die mediale Aufmerksamkeit und die Reichweite erzeugen. Eine junge Center-Managerin, die Luciah eingeladen hatte, zum Gespräch mitzugehen und zuzuhören, hörte interessiert zu. So war Luciah. 

Ihre Erlebnisse waren nicht für sie alleine reserviert. Ihre Töchter waren bereits mit ihren eigenen Aktivitäten sehr eingespannt. Die jüngste war überhaupt keine Shopping-Queen. Sie ging lieber auf den Flohmarkt, um Dinge zu verkaufen. Luciah hatte früher gerne gehandwerkelt manchmal mit Sachen, die sie günstig auf dem Flohmarkt dagegen fand. Das verband sie ebenfalls mit diesem Bachelor Jan, der gerne zuhause auf seiner selbstgebauten Terrasse saß. (Text: „Luciah renoviert“)


Heute achtete sie manchmal sehr darauf, dass ihre Geschichten schön gestaltet waren und mit kleinen Geschenken bestückt waren.  Und sie bewunderte ihren Mann Enrico. Wie er manchmal in der Küche stand und ein Mahl zauberte, sogar danach gewissenhaft aufräumte. Die großen Schüsseln säuberte. Wie er gelernt hatte, neben seiner Projektarbeit den Garten zu pflegen und sich jetzt nach beinahe zwanzig Jahren an die erneute Innenrenovierung des Hauses machte.

Jan verabschiedete sich. Umarmend.


Anstatt nach Hause zu fahren, bummelte Luciah alleine durchs Center. In der Buchhandlung fand sie das besagte Buch. „Ach, nee, nicht mein Genre“, stellte Luciah fest. Da gefielen ihr andere Bücher einfach besser.




In der Buchhandlung

***


Teil III

Am angebrochenen Abend wurde es doch noch eng, spritzig, lustig, überladen und frauenmäßig. Und das in einem Laden in dieser überdachten Einkaufsstrasse.

Den ersten Laden gab es schon lange. Er verkaufte anspruchsvolle Mode mit einer guten Beratung. Man konnte sicher sein, man erstand lang haltende Lieblingsstücke, die zwar ihren Preis hatten, aber dafür gut ausgesucht waren. Auch die Besucher des Lädchens waren nett. Besucherfrau hatte keine Angst sich einzumischen und so beriet man sich gegenseitig.
Bewundernswert auch wie die Besitzerin überlebte bei all den Handelsketten in ihrer Umgebung. Zuhilfe kam ihr gutausgesuchtes Personal. Den Verkauf fördernd. Auf charmante, diskrete Art.

Nebendran war ein Laden, der hatte seit kurzem zusätzlich zum Sortiment Kleider, Accessoires, Deko und Postkarten. Ein kleiner Markt für die schönen Dinge im Leben, die aber niemand beinahe mehr brauchte, weil man genug davon hatte.

Es gab heute Abend Sekt und Käsestangen in beiden Läden. 

Dieser zweite Laden war klug geworden durch den ersten. Verkaufte der Erste passendes bis maximal Größe 44, hatte der zweite erkannt, dass durch die ganzen Gourmettempels überall auf der Welt viele Frauen deutlich an Gewicht gewonnen hatten und nun großgeschnittene Mode in XL häufig brauchten. Schließlich sollte Kundin zufrieden sein.
Es herrschte Vielfalt sowie ein großes Durcheinander. Schließlich galt es Geld zu verdienen, wenn die Menschen zum Einkaufen kamen. Die verschiedenen Kleidungsstile hingen durcheinander auf den Stangen. Die Menschen waren heute hier auf den schnellen Konsum aus. Das Angebot war schön und verlockend. Instrumentalmusik kam über die Lautsprecher und sollte Laune wecken einzutreten. Vor dem zu kleinen Ganzkörperspiegel würde es Gedränge geben.

Nicht immer waren die Läden so rammschmäßig unterwegs. Als es noch viele Fachleute auf dem jeweiligen Gebiet gab, war die Wahl der besten Stücke oder einer brauchbaren Kombination für kommende Jahreszeiten einfacher. Einfacher auch als es noch nicht so das Fast Consuming gab. Im übermäßigen Angebot noch für sich das Besondere zu finden, wurde zunehmend schwerer. Viele konsumierten daher mehr. Und wussten beispielsweise gar nicht, dass 8000 Liter Wasser verbraucht werden für die Herstellung einer einzelnen Jeans. Einer Hose.

Am gleichen Abend wurde diese Fast Fashion in der "heute show" im ZDF zwar lustig, aber ganz genau unter die Lupe genommen.

Der grüne Knopf, Fast Fashion 
heute show vom 25.10.2019



"Möchten Sie ein Gläschen Sekt, Frau Williams?" . Luciah kannte die Chefin. Sie war nett und modisch wieder on top. Mit einer guten Figur. Mode hatte ihr immer schon Spaß gemacht und wurde zu ihrem Beruf. Sie verkaufte heute alleine trotz des zu erwartenden Andrangs. Ihre Rose vom Bachelor Jan stand in einer Vase. Die Anziehkabine war besetzt. "Danke gern" Luciah griff zu einer Käsestange. Noch hatte sie keine Lust sich umzusehen. Erst mal ankommen im Geschäft. Eine Frau mittleren Alters hob den Vorhang der Kabine.
Sie trug über ihrer Jeans eine dunkelblaue Tunika. Sie drehte sich vor dem zweiten Spiegel im Laden, so dass die Besitzerin Jackie sie beraten konnte. Das blaue Hemd war zu weit. "Ich würd es mal eine Nummer kleiner probieren" Jackie hatte das Teil gottseidank nicht als Einheitsgröße. Sie brachte der Frau aber einen Pulli mit Fransen. "Den hätt' ich auch noch für jetzt die kältere Jahreszeit auch noch" "Ich könnte mir vorstellen, dass er Ihnen gut steht." Er war beigefarben. Richtig, dunkelblau stand der Frau mit den aschblonden Haaren nicht so gut. Während Luciah am Sekt nippte, betraten zwei Frauen den Laden. Es waren Fastschwiegermutter und -schwiegertochter, die für den kommenden Geburtstag der Älteren shopten, wie sich später herausstellen sollte. Jackie bewirtete zunächst die neu angekommenen Damen. Nachdem beide sich zugeprostet hatten, bemerkten sie auch Luciah, die der Frau in der Tunika zugesehen hatte, und grüßten mit ihrem erhobenen Sektglas. Ob heute auch was für Luciah dabei war? Eigentlich wollte sie diese Saison nichts Neues kaufen sondern Altes auftragen. Ja, es gab einige Kleidungsstücke, die sie in Jackies Laden erstanden hatte und die immer noch von guter Qualität waren und modisch so uptodate waren, dass sie gut mehrere Saisons taugten. Luciah kaufte gerne hier das eine oder andere Stück mal ein. Sie erinnerte sich an ein knöchellanges camelfarbenes enganliegendes Kleid mit Lederbesätzen und Druckknöpfen, dass sie geliebt hatte. Die Mode der holländischen Firma "sandwich" wurde ihr hier ein Begriff. Alles war fein aufeinander abgestimmt. Zum schickeren Ausgehen waren Marken wie "mocca" und "nui" dazwischen gehängt. Farblich passende Kombinationen. Für den anspruchvollen Geschmack. Dafür kaufte Jackie mit ihrem Wissen und dem Gespür für Trends jeden Monat in Düsseldorf ein. Ob das auf die Dauer aber reichen würde?

Die neuen Damen schauten nur. Der Älteren gefiel auch der Pulli mit den Fransen. Sie suchte nach farblich passender Lederhose und schönen Stiefeln. Ihre Einkaufstüten aus den anderen Läden hatten sie in die Ecke gestellt. Irgendwie wollte bei Jackies Preisen aber keine richtige Stimmung trotz des angebotenen Alkohols aufkommen. Die erste Frau probierte den Pullover anstelle einer kleineren Tunika. Ein besonders schönes Stück, das ihr gut stand. Aber zu teuer wohl für die andere Dame, um es überhaupt in Erwägung zu ziehen. 98 Euro. Als diese mit ihrer angehenden Schwiegertochter ausgetrunken hatten, verließen beide wieder das Geschäft. 

Luciah war in Schlenderlaune. Sie verabschiedete sich ebenfalls von Jackie zusammen mit der Frau, die den Fransenpulli kaufte.

In dem zweiten Laden fand Luciah die beiden Frauen wieder. Wieder mit einem Sektglas bei dieser trügerischen Musik umgeben von vielen unterschiedlichen Verkäuferinnen, die selbst die Kleidung von der Stange probierten. "Hey, Sie waren doch eben drüben...". Diesmal stießen die Frauen mit Luciah direkt an. Und dann probierten alle in der engen Kabine schnell hintereinander die braunen, gelben, grünen und grauen Kleidungsstücke, auf die es zum runtergesetzten Preis noch Prozente gab. Dafür ließen sie die Hüllen fallen, um das beste Schnäppchen zu machen. Auch Luciah, die nichts kaufen wollte und bei Jackie Verständnis gefunden hatte, wurde hier angesteckt. Später würden die beiden Oberbekleidungsteile zunächst in der Tasche für längere Zeit bleiben. Aber gekauft wurden sie. Weil Luciah im Kaufrausch war. Sich was Gutes gönnen. Egal woher, egal wieviel. Hauptsache modisch und auf den ersten Blick schick. Morgen gab es vielleicht die Ware und die Prozente nicht mehr. Von Umtauschmöglichkeit keine Spur. 

Natürlich berieten sich die Frauen auch untereinander. Egal in welchem Laden, frau gab sein Frausein ja nicht vorne an der Tür ab. Im Gegenteil. Aber dieser Sog. Dieses Geschick der etwas drängelnden Verkäuferinnen auf den Umsatz. Es herrschte Wettbewerb. Das war schon ungewöhnlich an diesem Abend.

"Ich gebe mich heute geschlagen", sagte sich Luciah später zuhause. Es war schön im Kreise hübscher Frauen zu shoppen. Auch, wenn sie ihre Einkaufsphilosphie nicht mehr teilen wollte - und die gekauften Teile auch länger nicht anrührte. Weil sie sie eigentlich gar nicht brauchte...







Samstag, 2. Juni 2018

Das Café nebenan


Luciah war in der Werkstatt mit ihrem Wagen. Sie musste die Winterreifen wechseln.
"Viel zu spät", dachte sie.
"Na ja macht nichts", beruhigte sie sich.
"Besser spät als gar nicht."
Sie blätterte während des Wartens in den ausgelegten Zeitschriften und trank dabei einen Orangentee. Der Duft stieg in die Nase beim Lesen. 'She's Mercedes' war eine relativ neue Zeitschrift für Frauen, die einen solchen Wagen wie sie fuhren. Luciah fühlte sich dazugehörig, auch wenn sie das Blatt in der aktuellen Ausgabe nicht mehr zugeschickt bekam.
"So ein Exemplar würde ich mir gerne mitnehmen", überlegte sie beim Blättern.
Und einen Artikel darin wollte sie vertiefen und aufheben. Ein Topmodel namens Amber Valletta hatte doch tatsächlich acht nachhaltige Gründe für faire Mode und den Umgang mit einem neuen Modebewusstsein darin veröffentlicht. Luciah staunte und las. War das doch ihr Aufgabengebiet.
Weiter zum Thema Charisma. Weiter zu diesem und jenem interessanten Artikel. Die Mischung hier passte schon.

Und da fand Luciah ihn. Ja, sie hatte davon gehört. Ja, sie wollte lesen über die Einsamkeit, während sie mehrfach ihr Handy in der Hand drehte und immer bereit für neue Nachrichten war. Halt, Manfred Spitzers neues Buch mochte ja stimmen über die Vereinsamung und das Alleinsein im Alter. Luciah wollte doch nicht weiterlesen und die traurig aussehende Frau auf dem Foto betrachten. Nein, sie wollte fröhlich sein.
Sie rief den nun schon sehr betagten Angel an. Angel konnte nicht wissen, warum Luciah gerade heute etwas mit ihm machen wollte.
"Du.", sagte sie.
"Ich bin unterwegs und würde Dich gerne treffen."
"Jaaa", staunte ihr Gegenüber am anderen Ende des Gesprächsverbindung.
"Das freut mich aber."


"Kennst Du ein Cafe in der Nähe, wo wir hingehen können?"
"Ja, da ist ein neues ganz in der Nähe. Es hat vor kurzem erst aufgemacht."
"Nein, nicht zu spät" Luciah triumphierte innerlich. Sie tat das richtige. Und während Angel ihr erklärte, wie sie zu dem neuen Cafe kam, bezahlte sie ihre Rechnung und fuhr los. Stau. Unfall. "Nein, nein, nicht zu spät..." Rechtzeitig, auch wenn es nur langsam voranging.

*
Das Café war aufwendig eingerichtet. Man hatte sich wirklich Mühe gegeben. Überall gab es verschieden farbige Stühle, die auch in Größe und Form variierten. Draußen war es mit einem kleinen Garten eingerichtet mit netten Pflanzen in den Kübeln. Auch Kräuter schauten vor. Mit vielen Holzarbeiten präsentierte sich der außergewöhnliche Ort. Man schaute von seinem Platz auf Schränke mit Inventar zum Schmöckern, Anregen und Kaufen. Das, was auf den Tisch kam, war mehr als ungewöhnlich. So eine Mischung hatte Luciah noch nie gesehen. Basillimonade.
"Probier sie mal".
Luciah hielt Angel ihr Glas hin. Er hatte nur einen einfachen Kaffee aus der Maschine bestellt. Er nippte.
Frisch und Lecker. Mit Basilikum und Ingwer. Aber nur mit einem Schuß davon. Dann der Pistaziencremeeclair mit Mandelstiften. Unbegreiflich fein.
Das Konzept sprach eher junges und internationales Publikum an. Fredrik - so der Name der Lokalität - rief förmlich nach Dänemark und seinem Kronprinzen. Luciah hatte Bilder von Kopenhagen vor kurzem gesehen. Das war ihr eigenes Dänemark hier. Ganz in der Nähe.
"Nein, damit habe ich nicht gerechnet", gestand sie sich ein.
Angels Rollator stand in der Ecke. Er hatte Schwindelgefühle und das Laufgerät gab ihm die notwendige Sicherheit beim Gehen. Nun saß er. Luciah hatte darauf geachtet, dass er den schönsten Sessel bekam.

"Ist doch klar" dachte sie. "Für ihn." Was konnte sie hier alles für ihn tun. Ihm anbieten. War schon etwas anderes als in seiner kleinen Wohnung und der bisherigen Umgebung. Und alles passte zu ihnen. Nein, sie waren nicht immer in dieser verfänglichen Situation gewesen. Sie waren auch gemeinsam auf Reisen gewesen.
Angel hatte sich nicht vorstellen können, jemals weit über die achtzig zu werden.
"Ich dachte immer... Im Jahr 2000 bin ich neunundsechzig. Da muss dann Schluß sein." Er war zu Scherzen aufgelegt bei seiner Aussage und wirkte dabei etwas schelmenhaft.

"Das Café ist ein Geschenk. In einer neuen Zeit. Punkt und fertig." Luciah und Angel waren sich einig.
Und dann unterhielten sich Luciah und der etwas schwerhörig gewordene ehemalige Nachbar über ihre gemeinsamen Themen. Beinahe so wie eh und je. Und sie lachten und freuten sich. In dieser jungen aufwendig und mit Liebe gestalteten neuen Welt für sie beide. Würde einer kommen und sagen, es müsste anders sein?

Sonntag, 12. Mai 2013

Marina, Paula, Luciah - Märchenperlen




2013 - Mailand


2002,2013 - Figuren und Umschlag der Geschichten

Ich schreibe spirituelle Geschichten. Meine modernen Frauenfiguren, denen ich meine Texte zuordne, haben einen jeweils anderen Zugang zur Spiritualität. Während Marina ein schönes Leben führt, indem sie die Wirklichkeit auf ihre besondere Art erlebt, kämpft Paula noch mit ihrem Denken. Für Luciah ist es dagegen selbstverständlich, dass sie außerordentliche Träume hat, in denen sie auch ihren Gott erlebt.


Marina und Daniel Carpentier - eine Tochter

Paula und Raphael Silbermann - kein Kind

Luciah und Enrico Williams - zwei Töchter







Söhne Mannheims - Und wenn ein Lied
Yusuf Islam - In the End


"Märchenperlen" 
sind meine Geschichten. 

www.märchenperlen.de 


Mittwoch, 16. Januar 2013

Marina - Marina fährt nach Paris


19.Januar 2013 in der Saarbrücker Zeitung: ...De Gaulle erklärte später, "Verträge seien wie Rosen und junge Mädchen: Sie halten, so lange sie sich halten" Bis er sich korrigierte:"Manchmal entstehe auch ein dauerhafter Rosengarten."

22.Januar 2013. Eine Karte von meiner französischen Freundin Fleurance. Merci, chérie!

***

Eine Geschichte, neu wiederbelebt durch Andrea Nahles, die sich 2019 an ihre Autofahrt über die deutsch-französische Grenze erinnert.


Als die Grenzen in Europa fielen, fuhr ich am selben Tag mit meinem klapprigen Ford Fiesta nach Frankreich. Großartiges Gefühl! Die 🇩🇪🇫🇷-Freundschaft ist das Fundament eines vereinten Europas. Ich bin dankbar, dass wir zusammen weitergehen!  via Twitter
@andreanahlesspd, 22.Januar 2019

***

Eine Honigkuchengeschichte für große Kinder 

anlässlich des Jubiläums des Elyséevertrags 

zwischen Frankreich und Deutschland von 1963


ZUSAMMENFASSUNG:


Marina fährt mit ihrer Babytochter Oceane im Cabriolet ihres Mannes Daniel nach Paris. Was denkt und erlebt sie auf der Fahrt am Tag des vierzigjährigen Jubiläums des Freundschaftsvertrages zwischen Deutschen und Franzosen? Eine Geschichte übers Autofahren und Frauen...


Notre traité n’est pas une rose,
il n’est même pas un rosier,
il est une roseraie. 

Unser Vertrag ist keine Rose,
er ist nicht einmal ein Rosenstrauch,
er ist ein Rosengarten.

Charles de Gaulle


Paris, 23.Januar 2003


Marina wollte die Gelegenheit nutzen und ihren Mann nach Paris begleiten. Ihr Mann, der wieder viel beruflich unterwegs sein musste, war froh, dass seine kleine Familie so unkompliziert war, und er sie mitnehmen konnte. Dieses Mal war er Aussteller auf einem großen französischen Kongress seiner Branche. Er war viel mit den Vorbereitungen beschäftigt, und so hatten sie sich die Abende zuvor kaum gesehen.
„Du nimmst das Auto und fährst nach Paris. Ich habe unser Hotel für zwei Nächte reserviert und wir treffen uns dort.“ Er würde von Zürich aus nach Paris fliegen.
“Wir fahren dann am Freitag Abend weiter nach Nordfrankreich und verbringen dort das Wochenende,“ sagte er.
Obwohl ihr Mann eigentlich wenig freie Zeit zur Verfügung hatte, wusste er sie sich so einzuteilen, dass Marina und er viel davon hatten. Wenn er Marina und Océane mitnahm, ergab sich auch während der Fahrt Gelegenheit, mal über nicht so wichtige Dinge zu plaudern und über all das, was so liegen geblieben war. Man konnte auch eine längere Strecke beisammen sein, die sonst nur ausschließlich dem Beruf vorbehalten war. Marina war zufrieden mit ihrem Leben, wenn sie denn die Gelegenheit nutzen konnte, ihren Mann zu begleiten. Océane war mit ihren elf Monaten nun etwas munterer, aber dennoch schien es für ihre Mutter kein Problem, sich mit dem Kind in Paris zu amüsieren.
Die Morgenstunden wollte Marina mit ihrer kleinen Tochter im Hotel verbringen. Océane konnte im Zimmer zunächst einmal herumkrabbeln und danach ihr Morgenschläfchen machen. Marina hätte Zeit, zu lesen.
Erst danach würden sie mit ihrem Dreiradkinderwagen vom Bahnhof St. Cloud nach St. Lazare aufbrechen, um im Lafayette-Kaufhaus oder in einer Kinderboutique nach schicken neuen Kinderschuhen Ausschau halten. Einfarbige Kinderschuhe, die zu Océanes Kleidung passten und das Kind nicht kunterbunt aussehen ließen.
Océanes erste Schuhe aus dem Italienurlaub waren zu klein geworden und schon eine Weile zog ihr Marina nur noch Strumpf über Strumpf oder ihre Pantoffeln an, die sich meist irgendwo verloren.
Endlich entschied sie sich, in einem Saarbrücker Kaufhaus taubenblaue Schuhe in Größe 20 zu kaufen. Sie waren in verschiedenen Blautönen mit Punkten gemustert und waren von allen die beste Wahl. Für  Kinderschuhe waren sie verhältnismäßig günstig, hatten eine Gummisohle und Marina dachte, sie könne keinen Fehler machen. Und dann hatte Océane sie doch nicht angezogen! Sie hatten ihr nicht wirklich gefallen und sie war froh, dass Marina die Gelegenheit hatte, in Paris nach einem anderen Paar zu suchen. Ja, sie hoffte auf Paris. Sie hoffte darauf, dass es hier hübsche, nicht so teure Schühchen in rosa oder am liebsten in weiß gab, so wie das letzte Paar es gewesen war.. Hélene, ihre Schwiegermutter, erwähnte ständig „die schicken Mailänder Schuhe“, wenn sie Océane in ihren hübschen ersten Tretern sah. Marina hatte kein Problem darin gesehen, auch in Deutschland so ein dankbares Paar zu finden, wenn diese zu klein wurden. Und dann war es zur Winterzeit in ihrer kalten Heimatstadt doch eines.
Die Babyfachgeschäfte führten einfach keine passenden Kinderschuhe. In den Kinderboutiquen, wenn es denn welche gab, kannte Marina sich nicht aus. Sie scheute auch übertriebene Ausgaben für Kinderschuhe. Ihre Tante Margarete hatte es schlichtweg nicht für möglich gehalten, dass man nach Paris fuhr, um geeignete Kinderschuhe zu finden. Aber sie hatte ausgiebig Marinas hellen Mantel mit dem beigefarbenen Kragen aus Pelzimitat bewundert.
„Wo hast Du den nur her? So ein schicker Mantel...Der war bestimmt teuer..Ich suche auch mal so was schickes...“, hatte sie gesagt.
Und dann erzählte Marina ihr von dem großen Pariser Printemps Kaufhaus, in dem Marina bei ihrem vorletzten Besuch den Mantel so günstig erstanden hatte. Marina fuhr also wieder nach Paris und freute sich mächtig darauf.
Sie wollte ihre Reise erst am späten Nachmittag beginnen, um dem großen Verkehrstreiben in Paris zu entgehen.  Auf einer ihrer vorigen Fahrten mit Daniel konnten beide mit Océane erst gegen 22.00 Uhr aufbrechen und Marina hatte gegen 1.30 Uhr das Fahrzeug sicher zum Hotel gelenkt. Bei wenig Verkehr war Paris mit Daniels Firmenauto und seinem Navigationssystem kein Problem und so plante Marina ihre erste alleinige Fahrt mit seinem Wagen nicht allzu früh.
„Das trauen Sie sich?!“ Die etwas betagte Nachbarin von gegenüber schien besorgt. Es musste also schon etwas besonderes sein, selbst den Wagen nach Paris zu lenken. Als sie ein junges Mädchen war, war sie einmal mit ihrem Onkel und ihrer Schwester in Paris gewesen und ihr war in Erinnerung geblieben, dass die Franzosen wesentlich kleinere Autos fuhren und manche ganz schön verbeult aussahen. Das aber hatte sich längst geändert. Aber es war noch immer wie ein kleines Wunder nach Paris zu kommen, obwohl die Seine-Metropole sich nur wenige hundert Kilometer vor ihrer Haustür befand.
Ihr Ferienhaus an der Küste Nordfrankreichs schien irgendwie schneller und einfacher erreichbar, obwohl es geographisch gesehen, noch ein gutes Stück hinter Paris lag. Paris und eine Reise dorthin gehörten also zu einem ganz besonderen Mythos auf diesem Erdball.
Marina nahm einen großen Koffer aus dem Kleiderschrank. Es war nicht nötig, sich auf weniges zu beschränken. Für die kommenden vier Tage wollte sie für sich und Océane ihre besten Kleidungsstücke mitnehmen. Dafür bügelte sie ausnahmsweise in der Waschküche noch ein paar frisch gewaschene Sachen. Das Kind war wie immer am Mittwoch bis zum späten Mittag bei einer Tagesmutter untergebracht. Als sie ihr Kind abholte, schlief es im Auto ein, so dass Marina es vor der Haustür weiter schlafen ließ und in Ruhe packen konnte. Ein stressfreier Tag, wie Marina fand. Ihre schmale schwarze Handtasche tauschte sie gegen eine größere ein. Auf Reisen kam immer einiges hinzu: die Videokamera, der Reiseführer, das kleine Wörterbuch. Da war eine größere Tasche besser...

„Madame, trois Euro cinquante, s’il vous plaît.« Marina hatte die Fensterscheibe an der ersten Zahlstelle auf der Autobahnstrecke nach Paris heruntergelassen und sah die Kassiererin an. Die ersten zwanzig Kilometer der Fahrt lagen hinter ihr. Sie begann nach ihrem Geldbeutel in ihrer Handtasche zu kramen, die sie auf den Beifahrersitz gestellt hatte. Er war nicht da. Wo war er? Sie hatte ihn doch eingesteckt. Sie war sich eigentlich sicher. Aber sie fand ihn nicht. Hinter ihr stand ein großer Transporter.
„J’ai pas d’argent,“ sagte Marina zu der Frau in der Kabine.
« Pas d’argent? Pas une carte bancaire?» Die Frau mit dem Kurzhaarschnitt und den dunklen Haaren sah sie etwas ungläubig an.
Marina kramte nochmals im Hauptfach ihrer Tasche. Da war nichts.
„Non, pas du tout. Je suis desolée.»
«Oh, la, la...«, meinte die Frau in ihrer etwas verwaschenen Strickweste am Peage-Schalter. Es gab ein Problem. Marina konnte nicht weiterreisen. Die Frau begann den deutschen LKW-Fahrer zurückzuwinken. Sie schien etwas älter als Marina zu sein. Sie war nicht besonders hübsch, wirkte aber nicht unfreundlich, auch wenn sie nun doch mit ihren großen dunklen Augen ernst dreinblickte.
„Qu’est-ce que, je peux faire maintenant? Est-ce que je peux retourner ici?» Ohne Geldbeutel konnte Marina ihre Reise nicht fortsetzen.
Die Frau nickte. Marina würde umdrehen.
„Was ist denn los?“ Der Fahrer des  LKWs kam bis an die Fahrertür und beugte sich nach vorne zu Marina.
„Ich habe meinen Geldbeutel vergessen.“ Er sah das Kind hinten im Kindersitz. Er schien nicht sonderlich verärgert. Er ging sofort zu seinem Fahrzeug zurück, das Marina die Sicht nach hinten versperrte. Sie empfand keine Angst. Sie brauchte nur zurückzustoßen, der großen LKW-Front folgend. Sie konnte nicht erkennen, wie viele Fahrzeuge sich noch dahinter befanden. Sie fuhr zurück, sah dass es auf der linken Seite keine Barrieren zur Gegenfahrbahn gab, passte die entgegenkommenden Autos ab, gab Gas und weg war sie.
„Keinen Geldbeutel“, dachte sie auf der Fahrt zurück. Irgendwie kann das nicht sein.
Sie fing wieder in ihrer Handtasche zu kramen. Océane war auffallend still die ganze Zeit gewesen.
„Jetzt muss ich wieder nach Hause fahren.“ „Aber wo soll ich suchen?“ Sie ging wieder den häuslichen Ablauf der vergangenen Stunden durch.
„Nein, er muss hier irgendwo sein,“ dachte sie.
Océane hatte ihn in der Hand gehabt, während sie ihre alte Tasche ausgeräumt hatte. Dort konnte er also definitiv nicht mehr sein.
„Ich wechsele doch nicht mehr die Taschen. Dann passiert das nicht mehr. Ich werde mir eine ganz schicke neue Tasche in Paris kaufen, die groß genug ist, so dass ich sie immer tragen werde.“ Sie kramte in Oceanes Rucksack mit ihren Esssachen und den Windeln. Nein, da war er nicht.
Sie versuchte es wieder in der Handtasche, während der Wagen heimwärts rollte. Diesmal im Seitenfach. Ganz unten fühlte sie etwas. Plötzlich hielt sie den Geldbeutel in der Hand. Da war er. Das gab es doch nicht. Und sie dachte, sie hätte ihn nicht eingesteckt. Das Seitenfach der Tasche war ausgesprochen tief geschnitten. Darüber befanden sich ihr Spiegel, ihr Lippenstift und Vaseline, um Océanes Babyhaut vor eisiger Kälte zu schützen, ebenso ein Päckchen koffeinfreier Pulverkaffee. Marina hatte ihn einfach nicht gefühlt. Nicht erwartet, dass das Seitenfach so tief ging. Sie suchte die nächste Ausfahrt. Forbach. Also wieder zurück.

Als die Autospitze wieder nach Paris zeigte, erholte sich Marina von dem Schreck und einem solchen Beginn ihrer Reise. Océane auf dem Hintersitz plapperte wieder los. Es begann zu regnen.
Erneut näherte sie sich der ersten Zahlstelle ihrer Reiseroute. Diesmal wählte sie eine andere Durchfahrt.
Zwei Frauen saßen im Häuschen. Die Kassiererin war eine große schlanke Frau mit langen blonden Haaren. Sie trug einen schwarzen Rollkragenpulli und eine Goldkette darüber. Eine weitere blonde Frau mit einem Wuschelkopf saß daneben. Marina bemerkte, wie die Frauen ihr Gespräch unterbrachen. Marina und die große Blonde öffneten gleichzeitig eine Fensterscheibe. Sie sahen sich an. Die Kassiererin behielt ihren netten Gesichtsausdruck bei, als sie um die Gebühr bat. Sie ließ Marina alle Zeit der Welt, das Geld hervorzuholen. Ihre zurückhaltende angenehme Art, fiel Marina direkt auf und sie gab Marina das Gefühl, dass sie sich nicht beeilen musste. Sie senkte etwas ihren Kopf, um Océane zu sehen. Océane hatte sich ihren Schnuller in den Mund gesteckt. Sie sagte etwas zu der anderen Frau über das Baby, während sie Marina die Hand entgegenstreckte. Marina gab ihr das Geld passend. Kaum hatte Marina bezahlt, öffnete sich die Schranke und sie gab Gas.

"Das war eine angenehme Französin", dachte sie. Sie hatte etwas richtig Würdevolles, Erhabenes an sich und hatte trotzdem irgendwie ein zartes Wesen. Marinas Aufregung von vorhin war wie weggeblasen. Sie freute sich nun richtig auf die Fahrt. Auf Paris. „Bon voyage“, hatte die blonde Frau mit der anderen Frau an ihrer Seite noch zu ihr gesagt. „So ist es angenehm zu reisen.“, dachte Marina. Sie war froh, dass sich ihr Mann noch kein Gerät angeschafft hatte, um mit dem Wagen einfach durch eine télépeage zu fahren und damit automatisch zu bezahlen. Sie war vollauf zufrieden.
Die weitere Fahrt verlief normal. Das Kind war wegen des langen Mittagsschlafes noch munter, und da sie im Fond des Wagens saß, langweilte sie sich und suchte Beschäftigung. Es war schon zu dunkel, um die Welt von der Fensterscheibe aus zu beobachten. Und das Spielzeug, das ihre Mutter aus einer Stofftasche hervorzauberte, landete nach an einer Weile auf dem Boden. Marina hielt an, um eine Pause einzulegen. Sie trank einen koffeinfreien Espresso, während Océane ihre kleinen Händchen immer wieder auf das Holzbrettchen am Kinderstuhl patschte und Marina nahm ein wenig vom Dessertbüffet und gab Océane davon.

Später hielten sie nochmals. In dieser Raststätte gab es eine kleine Rutschbahn und eine Wippe und das kleine Kind jauchzte vor Vergnügen.

Marina hatte im Radio Nachrichten gehör t. Heute war kein gewöhnlicher Tag. Während sie sich auf dem Weg nach Paris befand, feierten die deutschen und französischen Abgeordneten gerade den  Freundschaftsvertrag zwischen Frankreich und Deutschland aus dem Jahre 1963. Marina war noch gar nicht auf der Welt gewesen. Einige der jüngeren Abgeordneten, die teilnehmen konnten, auch nicht. Es war für beide Seiten ein großer Tag und die Feierlichkeiten sollten sich über zwei Tage erstrecken. Heute stand Paris im Mittelpunkt. Es gab eine gemeinsame Tagung der Nationalversammlung und des Bundestages im Versailler Schloß. Gerade aßen bei einem festlichen Banquet alle gemeinsam in der langen Galerie mit den riesigen Wandgemälden über vergangene Schlachten im Schloß. Morgen würde in der deutschen Hauptstadt gefeiert werden. Aber auch die kleine grenznahe Region aus der sie kam, wurde verstärkt beachtet, seit diese in den fünfziger Jahren an Frankreich orientiert gewesen war.

Dieser vierzigste Jahrestag des Elyséevertrages zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle hatte im Laufe der Zeit aus Erbfeinden nach blutigen Kriegen und Auseinandersetzungen Freunde gemacht und aus dem deutschen Michel und der französischen Marianne war ein Paar geworden. Marina persönlich hatte nie etwas von der früheren Feindschaft gespürt. Sie war zu jung dazu und die Politiker beiderseits hatten gute Arbeit geleistet. Das spürte man in vielen kleinen Dingen. Ihre kleine Nichte Annabelle hatte den französischen Kindergarten über der Grenze besucht, es gab saarländische Kindergärten, in denen den Kindern auf spielerische Weise, die Sprache des Nachbarn nähergebracht wurde. Die Schüler beiderseits machten Unterrichtsbesuche, veranstalteten gemeinsame kulturelle und sportliche Wettbewerbe und fuhren auf Klassenfahrten ins Nachbarland. Es gab viele, viele Franzosen und Französinnen, die im Saarland arbeiteten. Die deutsche Hauptzentrale ihres französischen Privatwagens befand sich in ihrer Heimatstadt.

Marina selbst war ein besonderer Fall. Mit ihrem Ferienhaus im Norden Frankreichs war sie mehr als eine Grenzgängerin geworden. Sie lebte in beiden Kulturen. Und sie schätzte, je mehr sie von der französischen Lebensart kennenlernte, diese umso mehr. Die Beobachtung des Lebens der Franzosen gaben ihr eine Zufriedenheit und ein besonderes Selbstbewusstsein, das sie bei den Menschen in Deutschland selten erlebte. Sie liebte den Charme der Franzosen. Sie schienen alles aus Überzeugung zu tun und zu dieser zu stehen. Sie konnten erklärten, warum ihnen etwas gefiel. Moi, j’adore..., Moi, je fais, sagten sie. Diese Art von Lebensgefühl hatte Marina bis zum Kauf ihres Ferienhauses nicht gekannt. Immer wenn sie in Frankreich war, blühte sie ein wenig mehr auf, als sie es in Deutschland tat. Kein Wunder, dass sie zu ihrer Neigung gestanden hatte, nach Paris nur ihre besten Kleidungsstücke mitzunehmen und die zweite Garnitur an Anziehsachen zurückzulassen.

Der anfängliche Regen hatte aufgehört und mehr als die Hälfte der Strecke lag hinter ihr. „Achtung, in 100 km Stau.“, sagte das Navigationssystem. In einer Länge von 2,4 km auf der Peripherique von Paris gab es zähfließenden Verkehr. „Bis ich komme, ist der längst vorbei,“ dachte Marina.
Das System hatte die Musik des französischen Senders Radio Nostalgie unterbrochen, des Radiosenders, den sie neu eingestellt hatte. Die kleine Océane war zufrieden mit einem Schnuller aus Mamas Manteltasche eingeschlafen. Weit hinter Reims kam sie an die vorletzte Zahlstelle. Der Sender spielte gerade einen alten amerikanischen Lovesong. „Honey I love you.“
Marina summte leise mit. Sie reichte der Frau an der Zahlstelle ihre Kreditkarte, die sich im wiedergefundenen Geldbeutel befand.

Und dann erschrak die Autofahrerin Marina, bei dem was sie sah. Die Frau in dem Peage-Häuschen war anders als die anderen vor ihr. Sie hatte große, breite Hände mit unappetitlich aussehenden Fingern, ihre Nägel waren ganz heruntergekaut. In ihrem aufgeschwemmten Gesicht befand sich auf der linken Wange eine dicke Warze. Sie sah Marina nicht richtig in die Augen. Sie lächelte nicht. Sie war unglücklich. Wenn da nicht der alte tragische Song im Radio gewesen wäre, der Marina aber in eine leise friedvolle und liebevolle Stimmung versetzte: And honey, I miss you and I’m bein‘ good. And I’d love to be with you if only I could... Marina schaute auf das Radiogerät, während die Frau kassierte. 

„Jetzt fahre ich von Zahlstelle zu Zahlstelle und plötzlich beschäftigt mich diese französische Frau.“ In ihren Augen waren die Französinnen meist viel hübscher und eleganter als die deutschen Frauen. Und nun hatte sie eine andere Französin gesehen. Und tatsächlich fiel ihr dann ein, es waren heute Abend nur Frauen gewesen, die an den Péagestellen die Gebühr kassierten. Außer den ersten beiden, hatte sie die anderen nicht sonderlich in Augenschein genommen. Sie hatten alle ihren Job getan, während Marina die Autobahn nach Paris benutzte. Marina war jetzt etwas bedrückt.

„Sie macht doch den gleichen Job wie die anderen. Warum geht es nur ihr so schlecht und den anderen nicht? Diese französische Frau hatte sie wachgerüttelt. Sie hatte die ganze Fahrt über nicht viel nachgedacht. Der Radiosong ging zu Ende. ‚Kann die Frau denn kein Radio hören?’ ‚Kann sie nicht mit jemandem telefonieren? Vielleicht Handarbeiten. Einen Roman lesen? Kann sie sich nicht beschäftigen, um zufrieden zu sein. Mit welchen Sorgen war sie heute zur Arbeitsstelle gekommen? Hatte ihr Mann keine Beschäftigung? Hatte sie Schulden? Waren die Kinder krank? Was hatte diese Frau so schwer getroffen, dass sie so unglücklich drein sah. 
Nicht alle lebten ein so gutes Leben wie Marina. Aber sie hatte den anderen Frauen bei ihrer Arbeit an der Péagestelle zugesehen. Es ging nicht allen schlecht. Die Frau mit den blonden Haaren hatte Marina dermaßen in gute Stimmung gebracht, dass Marina sich sicher fühlte, sorgenlos mit dem Firmencabriolet nach Paris zu fahren. Selbst, als die kleine Océane nicht mehr unbedingt im Autositz ihre Zeit verbringen wollte, die Grazie der Blonden hatte sie daran erinnert, ruhig und gelassen zu bleiben.

Sie ließ die Frauen heute Abend an sich Revue passieren:
Da war eine Frau mittleren Alters mit einem energischen Blick. Sie kassierte, bevor sie wieder einen kräftigen Zug aus ihrer Zigarette nahm. Dass sie eine starke Raucherin war, sah man ihrer Haut an. Sie schien nicht unsympathisch, aber etwas distanziert.
Da war die dunkelhaarige junge Frau ohne Gesicht. Marina hatte ihr Gesicht nicht registriert, weil sie für die Gebührenberechnung nur kurz ihr Telefongespräch unterbrochen hatte. Sie beugte sich kurz danach wieder nach vorne und sprach weiter. Marina hatte an ihren Bewegungen erkannt, dass sie noch jung war - vielleicht eine Studentin, die sich hier die Zeit bis zum Feierabend kurzweilig gestaltete.
Und dann fuhr Marina zur letzten Zahlstelle vor Paris. Und wieder war es eine Frau, die kassierte. Heute Abend. Sie war etwas älter als Marina und wirkte nett. Sie gab Marina mit ihrer schlanken Hand und ihren vielen Goldringen am Ringfinger das Geld und dann schloss sie wieder das Fenster des Zahlhäuschen. Sie beachtete Marina und ihr Auto nicht weiter. Hier an der Autobahn hatte sie eine ganz normale Arbeitsstelle gefunden. Marina bewunderte sie dafür ein bisschen. Sicherlich waren die Kinder der Kassiererin wohlerzogen und ihr Mann besaß eine mittelgute Stellung und sie führten ein geordnetes Leben.
Zielsicher steuerte Marina nun den Wagen auf die Péripherique von Paris zu. Es gab keinen Stau mehr. Den Angaben ihres Navigationssystems folgend fuhr sie nach Südwesten. Ihr Ziel war der Stadtteil St. Cloud. Sie fuhr am linken Seineufer entlang. Vor ihr lag rechts die Kathedrale Notre Dame. Ein filigranes Lichtermeer aus dunklen Tönen in braun und blau empfing sie. Die bekannte Postkartenidylle. Sie hatte die Sehenswürdigkeiten in den vergangenen Monaten als Beifahrerin immer wieder bewundert. Jetzt wo sie selbst fuhr, waren sie noch bedeutender. Einige Meter hinter der Eisenbrücke Alexander III geriet sie auf die Busspur. Um diese Zeit war es kein Problem. Die Spur war ihr bisher nie aufgefallen. Es war gut, dass sie für sie und die anderen die Fahrmöglichkeiten verringerte. Gerade die vielen Motorradfahrer konnten gefährlich schnell an einem Autofahrer rechts oder links vorbeirasen. Der Eiffelturm auf ihrer linken Seite folgte. Alles klappte gut. Einmal bog Marina zu scharf rechts ab. Auf dem Navigationssystem war es nicht anders erkennbar. Sie stand plötzlich vor einem Eisenbahnübergang und musste warten. Das System lenkte sie ohne großen Zeitverlust sicher in die gewünschten Straßen, die sie schon bei ihren letzten Besuchen mit dem Kinderwagen durchgestreift hatte.
Dann hatte sie es geschafft. Sie kam in ihrem Lieblingshotel an.
Ihr Mann Daniel war noch nicht da. Marina ließ auf ihrem Handy seine Nummer wählen. Er war unterwegs. Vom S-Bahnhof in La Défense war es noch eine kleine Weile. Das passte. Sie konnte ihr Gepäck ausräumen und die kleine Océane wecken und umziehen.

Später, als Marina in dem alten Bett im LouisXV-Stil neben der kleinen Océane lag, die die Mitte für sich in Anspruch nahm, da das Hotel über keine Kinderbetten verfügte, dachte sie nach. Sie hätte gerne noch eine Weile in den Armen ihres Mannes gelegen, aber ihre kleine Familie neben ihr schlief schon so tief und fest. Marina blieb nichts anderes übrig,  als noch ein bisschen wach zu liegen, bis auch sie schlafen konnte.
Was hatte sie heute alles erlebt? Diese abendliche Fahrt mit diesen vielen Frauen an den Autobahnzahlstellen.

Und was war noch? Da fiel es ihr ein: Ursprünglich hatte sie heute nicht mehr zum Einkaufen wollen. Tage, an denen sie wegfuhr, sollten den Reisevorbereitungen vorbehalten sein. Und dann fuhr sie doch schnell in den Baumarkt, als Océane bei ihrer Tagesmutter war. Sie wollte noch nach einer Tapete für ihr Gästezimmer Ausschau halten. Die schönsten Tapeten gab es in einem Baumarkt, in dem es noch keinen Brotshop, Gemüseladen und Getränkeverkauf gab, wie dies jetzt häufiger üblich war. 

Als sie so durch die Gänge schlenderte, verspürte sie plötzlich Lust auf ein Hörnchen. Sie nannte es in Deutschland nicht Croissant. Croissants aß sie in Frankreich, die waren beinahe unnachahmlich. Also dachte sie an ein Butterhörnchen während sie die Tapetenmuster betrachtete. Die Zeit für eine Fahrt zur Bäckerei hatte sie heute nicht. Schon gar nicht für ein einzelnes Hörnchen.
Und dann geschah es. Sie kam aus dem Markt und sah vor ihrem Auto einen Bäckerwagen parken. Sie konnte es nicht wirklich glauben. Aber dann dachte sie an das Hörnchen und innere Freude keimte in ihr auf. Sie ging auf die Verkaufstheke zu. Eine blonde Frau mit langen Haaren stand dahinter. „Das Hörnchen da bitte,“, sagte Marina und zeigte auf das einzige zwischen den anderen Kaffeeteilchen. Es schien mit etwas gefüllt zu sein. „Das macht ein Euro“, sagte die Verkäuferin. Marina gab ihr einen Euro und nahm das eingepackte Hörnchen von der Theke. Plötzlich hielt sie das Hörnchen in der Hand, auf das sie gerade eben noch so viel Lust verspürt hatte. Für wenig Geld. Wie froh sie war.

Ob die sorgenvolle Französin an der Zahlstelle diese Freude verstanden hätte? Marina dachte noch einmal an sie. Bevor sie in dem kleinen Hotelzimmer im nächtlichen Paris einschlafen konnte.