Freitag, 24. Juli 2026

Marina - Rea Garvey und die ganze Familie

                                                                                                             

 Famiie bedeutet nicht unbedingt Blutsverwandte,

 sondern oft eine Beschreibung einer Gemeinschaft, 

Organisation oder Nation.

Queen Elisabeth II.  

Aktuelle etwas gekürzte Fassung aus dem Jahre 2022 im Juli 2026 zugunsten der Spendenaktion "Saving an Angel" Wer will kann unter dem unten genannten Link fürs Lesen 2,50 Euro (oder mehr) spenden. Für jeden hier hinterlassenen Kommentar spendet die Autorin 5 Euro an diese Stiftung von Rea Garvey - derzeit zugunsten ukrainischer Kinder in Not.


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Nach einer wahren Geschichte...


Rea Garvey fragte im Zeltpalast seine Fans: „Are we family?“ Und die Menge jubelte. „Yes we are.“ Aber was war das?

 

Marina blickte sich in Océanes Zimmer um, während sie sich Gedanken machte, die sie später in ihr Tagebuch schrieb.

Es war ein wunderbares Konzert in Lebach gewesen. Besser als das von Mighty Oaks ein paar Tage zuvor. „Man hat das Gefühl, man kann bei ihm den Stecker reinstecken und er legt los….“, so beschrieb ein langjähriger Fan Rea Garvey. Man kannte sich über die sozialen Netzwerke gut und hier traf man sich mal live. Toll, toll, toll. Stimmung pur. Und es war die Leidenschaft für die Musik des berühmten irischen Sängers.

 

***

 

„Wir müssen fahren.“ Marina drängelte. Daniel arbeitete immer lang. Heute Abend ließ er für sie ein Radfahrevent ausfallen. „Unterwegs kaufe ich noch Brot.“, informierte er seine Frau. Frühstück am frühen Morgen war für Daniel in der Woche zum heiligen Ritual geworden.

Aus dem Zelt drang bereits Musik. Es war 19.45 Uhr. Auf der Eintrittskarte stand Beginn: 20.00 Uhr. Daniel und Marina waren auf den Behindertenparkplatz westlich der Ereignislokalität gefahren. Schotterplatz, der etwas die Reifen von Marinas Rollstuhl dreckig machte. Die Wärter am Absperrgitter waren sehr nett zu ihr. Sie zeigte ihre Eintrittskarten vor, die von heute und die von am Freitag, da würde sie wieder kommen. Eben zu Rea Garvey. Dann kontrollierte der bärtige Wärter ihre hellblaue Tasche, die sie in letzter Zeit immer dabei hatte. Ihr Laptop passte gemütlich rein und noch vieles andere. „Dann bringen Sie am Freitag bitte eine kleinere Tasche mit. Für heute ist es okay.“, sagte er. „Mein Kollege bringt sie ins Zelt.“ Vorbei am Künstlerzelt ging es auf Matten entlang zum Eingang in das große Zelt, den ‚Palast‘.

Es wurde ein schönes Konzert mit Mighty Oaks, aber es war nicht darauf ausgerichtet die etwa 1000 Menschen zum Ausflippen zu bringen.

 

***

 

Am darauffolgenden Freitag fuhr Marina mit einer Freundin zum angekündigten Rea Garvey-Konzert. Sie kannte den Weg gut und beide waren rechtzeitig unterwegs. Der Regen hatte eingesetzt und man musste stellenweise sehr vorsichtig sein. Aber das würde der Stimmung keinen Abbruch tun. „Ich bin vom Bus in das Zelt gelaufen und es war wie im Spa gebadet“, würde Rea später auf der Bühne erzählen. Am Eingang war wieder das gleiche Wachpersonal. Hinter Marinas Wagen fuhr ein Polizeiwagen, der aus Sicherheitsgründen dazu kam. Rea Garvey, durchs Fernsehen deutschlandweit bekannt, war bereits mit einem Personenschützer unterwegs. Keine Chance einen Blick auf ihn privat zu werfen.

„Ich war schon am Dienstag da.“ Der Wächter erkannte sofort wieder die Tasche. „Ach ja und wir hatten gesagt, Sie sollen mit einer kleineren kommen.“ „Richtig“, gab Marina zu. „Ich habe es vor lauter anderer Sachen einfach vergessen.“ Das war nicht so schlimm. Die beiden Schützer waren nett. Sie kontrollierten die Tasche. Der eine etwas älter und kräftiger, der andere jünger. Beide sprachen deutsch, der Ältere hatte ein etwas südländisches Flair.

Gut, wieder Künstler live auf der Bühne zu sehen in einer Halle mit etwa 2000 Besuchern. Rea war seit seinem Hit „Supergirl“ im Jahr 2000 ein Superstar. Anders konnte man ihn nicht beschreiben. Aufgewachsen zwischen sieben Schwestern und früh in Kneipen am Zapfhahn gestanden, konnte er mit einer Menge von Menschen gut umgehen und wusste, genau trotz oder gerade wegen seines irischen Akzents, was er sagte.



 



Ihre Freundin versorgte sie mit Getränken. Die Tribüne für die RollstuhlfahrerInnen war gut besetzt. Marina hatte keine Lust dort zu stehen. War sie doch auf dem vorherigen Konzert die einzige auf dem erhöhten Gestell gewesen. Man hatte eine bessere Sicht auf die große Bühne. ABER man hatte auch die Stangen am Rande der Tribüne vor sich. Das gefiel Marina gar nicht. Außerdem war die Tribüne jetzt nochmal von der Mitte etwa fünf Meter nach hinten geschoben. Das war Marina nicht nah genug dran an der Bühne.

Also stand Marina irgendwo im Publikum und konnte auf den linken großen Bildschirm schauen. Manchmal erhaschte sie zwischen den Köpfen einiger großer Menschen einen Blick auf die Bühne und konnte den Rockstar sehen. Sie war mittendrin mit ihrer Freundin und das tat ihr gut. Eine Gruppe von Leuten blieb hinter ihr, eine Frau hatte neben ihr ihre Jacke auf den Boden gelegt, so dass Menschen Abstand hielten. Gut für die Sicht und wunderbar in diesen Coronazeiten.




***

 

In diese Zeit fielen die Trauerfeierlichkeiten für die tagszuvor, am 8.September, verstorbene Queen Elisabeth.

„Nach uns kräht kein Hahn und um die Queen wird soviel Tamtam gemacht. Alle Fernsehkanäle voll ihr Du siehst nichts anderes mehr“.  Die Frau, die am anderen Tisch im Altersheim saß und an ihrer Zigarette zog, hatte mehr als dreißig Jahre hier gearbeitet. Sie war gerade im Krankenschein und besuchte ihre Kolleginnen. Marina, die zusammen mit ihrem Mann bei dessen Onkel im Pflegeheim war, horchte genau hin, was die einfach wirkende Frau sagte. „Diesen Job kannst Du keine 50 Jahre machen. Das ist unmöglich.“ Entweder war sie in der Küche beschäftigt oder Altenpflegerin. Marina wusste es nicht so genau. Der Umgang mit alten Menschen, die keine Aufgabe mehr hatten, pflegebedürftig und dement wurden, war nicht einfach. Marina spürte es, während sie in den Aufenthaltsraum sah, wo die Senioren dicht auf dicht nebeneinander saßen und sich kaum unterhielten. Es gab Kuchen am Nachmittag. Wer Besuch danach bekam, war etwas besser versorgt und konnte im wunderschön angelegten Garten sitzen 

Wenn Marina mit der Altenpflegerin ein Gespräch begonnen hätte, hätte sie ihr gesagt, dass wir Frauen alle Königinnen und Göttinnen sind. Man durfte es neuerdings auch sagen und aus sich herausbringen.

 „Für Charles ist das eine schwere Bürde. Gerade die Mutter verloren und jetzt sofort mit 73 Jahren König. So alt. Camilla mit ihren 75 Jahren hat immer ruhig aber wie versteinert neben ihm gestanden“, würde Marinas Mutter sagen, die die Fernsehübertragungen verfolgte.

König Charles III. machte schon fünf Tage nach seiner Amtseinführung den ersten Fehler in der Öffentlichkeit, als er sich über einen schmierenden Füllfederhalter mit auslaufender Tinte ärgerte. „I can`t bear this bloody thing“, schimpfte er. „What they do, every stinking time”. Das hörte sich sehr menschlich an. Aber königlich war es nicht.

Manche fragen, was es bedeutet, dass Frauen Königinnen und Göttinnen sind. In Afrika wurde die „Göttliche Mutter“ verehrt. Wo alles seinen Ursprung hatte? Lange auch vor dem Patriarchat gab es beispielsweise im keltischen Kult verschiedene Göttinnenfiguren.

Wo eine Mutter war, gab es auch Brüder und Schwestern. Wie hatte Rea gesagt, „We are Family!“

Beziehungen wie diese ähnelten manchmal einem "Hieros Gamos". Einer heiligen Hochzeit. Mit dieser Begrifflichkeit hatte sich Marina einst ausführlich beschäftigt und immer wieder dazu die Augen aufgehalten.

Sie hatte zwischenmenschlich viel erlebt. So war zwischen dem alten Mann, der bei ihnen, den Carpentiers, wohnte, sowas wie eine Symbiose entstanden. Man ergänzte sich gegenseitig. Hieros Gamos.

Und dann war da in Marinas Kopf ein Spruch aus einem afrikanischen Pavillon von der EXPO, der Weltausstellung aus dem Jahr 2000 in Hannover, die Marina damals besucht hatte.

„Woher weiß man dass die Nacht vorüber ist…? …wenn man aufwacht, und in die Augen eines Bruders schaut.“ Marina war dankbar für solche Beziehungen.

 ***

Einmal hatte Marina ein Meet & Greet mit Rea Garvey in ihrem Heimatort gewonnen. Und wie er beim Konzert erzählte und es später in der Zeitung zu lesen war, war Saarbrücken auch bedeutend für ihn.

Es muss nicht alles immer positiv sein. Nicht nur Beziehungen, sondern auch Schmerzen können antreiben, sich zu verbessern.

Garvey: Ich erinnere mich an eines meiner ersten Konzerte in Saarbrücken mit meiner irischen Band vor langer Zeit. Es waren vielleicht sieben oder acht Leute in dem großen leeren Raum. (Anmerkung der Autorin er meint in der Saarbrücker Garage) Ab und zu konnte man jemanden in der leeren Dunkelheit eine Zigarette rauchen sehen. Ich verließ diese Nacht mit dem Wunsch, in einen vollen Club zurückzukehren, in dem die Leute Schlange standen, um hineinzukommen und die Dunkelheit zu füllen. Es passierte ein paar Jahre später mit Reamonn – und ich erinnere mich, wie stolz ich war und wie hart ich dafür gearbeitet hatte, um dies zu erreichen. Das ist eine schöne Erinnerung für mich. Danke Saarbrücken! (SZ, 12.Sept.2022, B6)

Heute sprach man häufig von der Einen Welt und von Family. Social Media wie Facebook und Instagram, Tiktok und co. haben uns näher zusammengebracht. Zumindest Fans wissen mehr von den Stars und Influencern durch das Internet. Auch wenn vieles gestellt ist und nicht das wahre Leben zeigt. Man zeigte sich eher von seiner besseren Seite.

Marina stellte fest, dass sie am gleichen Tag ein neues Kleid mit Blütenblättern per Post bekam, dass auch zur Musik von Rea Garveys Album "Hy Brasil" passte. Aber kaum einer bemerkte das. Auch bemerkten die Menschen nicht, dass sie während des Konzertes eine tanzende Frau neben sich hatte, die vollends in der Musik aufging. „Ein rockender Engel“, dachte Marina., als sie die blonde Frau mit der langen Mähne sich bewegen sah. Marina hatte ein Auge dafür.  Auch, dass das Interesse der Musik Garveys galt und weniger seiner Person. „Ich find ihn toll,“ würde sie zwar später zu Marina und ihrer Freundin sagen. Aber das war nicht die ganze Wahrheit. Sie hatte Marina gezeigt, wie eins man mit sich sein konnte bei diesem Konzert ohne den Künstler persönlich hinter der Bühne zu treffen. Das gefiel Marina. Warum kannte sie diese Frau eigentlich nicht näher?





Das Lebacher Konzert ging zu Ende. Marina und ihre Freundin fuhren beseelt durch den Regen wieder nach Hause…

 

***

Während Marina so am Fenster im Zimmer ihrer Tochter stand, konnte sie sehen, dass jüngere Generationen in die mittlerweile älteren Häuser einzogen waren. Es entstanden in ihrem Wohngebiet in Saarbrücken neue, weit aus offenere Verbindungen mit den zugezogenen Nachbarn, den NachbarInnen und den -kindern. Man organisierte die ersten Nachbarschaftsfeste. Heuer war wieder eins. Und man kannte sich besser – auch dank des schriftlichen Austausches über Nachbarschaftsgruppen bei Whatsapp.

Die neue Nachbarin und der neue Nachbar hatten nicht nur gemeinsam ganz in der Nähe ein Haus gekauft, sondern wollten auch heiraten. Sie luden Marina und Daniel und die ihnen nahestehenden Menschen zum Sektempfang nach der standesamtlichen Trauung ans Rathaus ein.

Marina hatte sich am Morgen nach dem Konzert für die Hochzeit hübsch gemacht. Daniel und sie waren pünktlich an den Treppen des Rathauses. Ganz in der Nähe parkten sie. Der Regen hatte immer noch nicht aufgehört. Ein paar neu hinzugekommene Gäste warteten ebenfalls auf Braut und Bräutigam. Der Eltern des Bräutigams waren italienischer Herkunft. Die Rathaustür stand auf. Abundzu kam jemand heraus. Jemand erklärte, wer wer war. Dann kam die ganze Hochzeitsgesellschaft. Man reichte sich die Hände.

Jemand kam auf Marina zu, noch bevor sie ihren sehr festlich aussehenden Nachbarn zu ihrem neu eingegangenen Bund gratulieren konnte.

Ein Moment des Innehaltens kam. Irritation. Staunen. Wer war das denn, der ihr die Hand entgegenstreckte? Sie erkannten sich gegenseitig.

 „Sind Sie`s?“ „Wir kennen uns doch von gestern Abend.“ Der Lebacher Zeltpalast war 35 km entfernt.

Der ältere Sicherheitsbeamte vom Vortag beugte sich über Marina. Was für ein Zufall. Was für eine Welt. Die ganze Familie halt. Rea hatte es auf der Bühne gesagt. Auch Könige kamen hinzu, nachdem die Queen in diesen Tagen durch ihren Tod eine so zentrale Rolle in der Öffentlichkeit einnahm…Heilige Hochzeiten.

„Falls Sie mich mal brauchen für eine Fahrt etc. Wir können für Sie da sein. Nur dem Bräutigam Bescheid geben.“ Der Mann würde für Marina da sein, wenn sie ihn mal brauchen würde. „Die beiden sind wie Brüder aufgewachsen…“, erzählte später seine Mutter tatsächlich der gelähmten Frau. Die etwas ältere Dame war hübsch, hatte eine schöne Goldkette an und plauderte etwas aus ihrem langen Arbeitsleben als Krankenschwester in Deutschland. Sie nahmen ein paar Drinks und ein paar Canapés. Die Hochzeitsgesellschaft unterhielt sich. Feierte schon mal.

Und dann nach etwa zwei Stunden unter dem kleinen Zeltdach, das wegen des Regens vor dem Rathaus aufgebaut war, verabschiedete sich diese Mutter von Marina, die ihr kurz vorher noch gänzlich unbekannt war, eben mit den Worten einer Mutter. „Tschüss, mein Schatz.“, sagte sie. 

                                                                                                    We are Family. 

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