Famiie bedeutet nicht unbedingt Blutsverwandte,
sondern oft eine Beschreibung einer Gemeinschaft,
Organisation oder Nation.
Queen Elisabeth II.
Aktuelle etwas gekürzte Fassung aus dem Jahre 2022 im Juli 2026 zugunsten der Spendenaktion "Saving an Angel" Wer will kann unter dem unten genannten Link fürs Lesen 2,50 Euro (oder mehr) spenden. Für jeden hier hinterlassenen Kommentar spendet die Autorin 5 Euro an diese Stiftung von Rea Garvey - derzeit zugunsten ukrainischer Kinder in Not.
Nach einer wahren Geschichte...
Rea Garvey fragte im Zeltpalast seine Fans: „Are we family?“ Und die Menge jubelte. „Yes we are.“ Aber was war das?
Marina
blickte sich in Océanes Zimmer um, während sie sich Gedanken machte, die sie später
in ihr Tagebuch schrieb.
Es war
ein wunderbares Konzert in Lebach gewesen. Besser als das von Mighty Oaks ein paar Tage
zuvor. „Man hat das Gefühl, man kann bei ihm den Stecker reinstecken und er
legt los….“, so beschrieb ein langjähriger Fan Rea Garvey. Man kannte sich über
die sozialen Netzwerke gut und hier traf man sich mal live. Toll, toll, toll.
Stimmung pur. Und es war die Leidenschaft für die Musik des berühmten irischen
Sängers.
***
„Wir
müssen fahren.“ Marina drängelte. Daniel arbeitete immer lang. Heute Abend ließ
er für sie ein Radfahrevent ausfallen. „Unterwegs kaufe ich noch Brot.“,
informierte er seine Frau. Frühstück am frühen Morgen war für Daniel in der
Woche zum heiligen Ritual geworden.
Aus
dem Zelt drang bereits Musik. Es war 19.45 Uhr. Auf der Eintrittskarte stand
Beginn: 20.00 Uhr. Daniel und Marina waren auf den Behindertenparkplatz
westlich der Ereignislokalität gefahren. Schotterplatz, der etwas die Reifen
von Marinas Rollstuhl dreckig machte. Die Wärter am Absperrgitter waren sehr nett
zu ihr. Sie zeigte ihre Eintrittskarten vor, die von heute und die von am
Freitag, da würde sie wieder kommen. Eben zu Rea Garvey. Dann kontrollierte der
bärtige Wärter ihre hellblaue Tasche, die sie in letzter Zeit immer dabei
hatte. Ihr Laptop passte gemütlich rein und noch vieles andere. „Dann bringen
Sie am Freitag bitte eine kleinere Tasche mit. Für heute ist es okay.“, sagte
er. „Mein Kollege bringt sie ins Zelt.“ Vorbei am Künstlerzelt ging es auf
Matten entlang zum Eingang in das große Zelt, den ‚Palast‘.
Es
wurde ein schönes Konzert mit Mighty Oaks, aber es war nicht darauf
ausgerichtet die etwa 1000 Menschen zum Ausflippen zu bringen.
***
Am
darauffolgenden Freitag fuhr Marina mit einer Freundin zum angekündigten Rea
Garvey-Konzert. Sie kannte den Weg gut und beide waren rechtzeitig unterwegs.
Der Regen hatte eingesetzt und man musste stellenweise sehr vorsichtig sein.
Aber das würde der Stimmung keinen Abbruch tun. „Ich bin vom Bus in das Zelt
gelaufen und es war wie im Spa gebadet“, würde Rea später auf der Bühne
erzählen. Am Eingang war wieder das gleiche Wachpersonal. Hinter Marinas Wagen
fuhr ein Polizeiwagen, der aus Sicherheitsgründen dazu kam. Rea Garvey, durchs
Fernsehen deutschlandweit bekannt, war bereits mit einem Personenschützer
unterwegs. Keine Chance einen Blick auf ihn privat zu werfen.
„Ich
war schon am Dienstag da.“ Der Wächter erkannte sofort wieder die Tasche. „Ach
ja und wir hatten gesagt, Sie sollen mit einer kleineren kommen.“ „Richtig“,
gab Marina zu. „Ich habe es vor lauter anderer Sachen einfach vergessen.“ Das
war nicht so schlimm. Die beiden Schützer waren nett. Sie kontrollierten die
Tasche. Der eine etwas älter und kräftiger, der andere jünger. Beide sprachen
deutsch, der Ältere hatte ein etwas südländisches Flair.
Gut,
wieder Künstler live auf der Bühne zu sehen in einer Halle mit etwa 2000
Besuchern. Rea war seit seinem Hit „Supergirl“ im Jahr 2000 ein Superstar.
Anders konnte man ihn nicht beschreiben. Aufgewachsen zwischen sieben
Schwestern und früh in Kneipen am Zapfhahn gestanden, konnte er mit einer Menge
von Menschen gut umgehen und wusste, genau trotz oder gerade wegen seines
irischen Akzents, was er sagte.
Ihre
Freundin versorgte sie mit Getränken. Die Tribüne für die RollstuhlfahrerInnen
war gut besetzt. Marina hatte keine Lust dort zu stehen. War sie doch auf dem vorherigen
Konzert die einzige auf dem erhöhten Gestell gewesen. Man hatte eine bessere
Sicht auf die große Bühne. ABER man hatte auch die Stangen am Rande der Tribüne
vor sich. Das gefiel Marina gar nicht. Außerdem war die Tribüne jetzt nochmal
von der Mitte etwa fünf Meter nach hinten geschoben. Das war Marina nicht nah
genug dran an der Bühne.
Also
stand Marina irgendwo im Publikum und konnte auf den linken großen Bildschirm
schauen. Manchmal erhaschte sie zwischen den Köpfen einiger großer Menschen
einen Blick auf die Bühne und konnte den Rockstar sehen. Sie war mittendrin mit
ihrer Freundin und das tat ihr gut. Eine Gruppe von Leuten blieb hinter ihr,
eine Frau hatte neben ihr ihre Jacke auf den Boden gelegt, so dass Menschen
Abstand hielten. Gut für die Sicht und wunderbar in diesen Coronazeiten.
***
In
diese Zeit fielen die Trauerfeierlichkeiten für die tagszuvor, am 8.September,
verstorbene Queen Elisabeth.
„Nach
uns kräht kein Hahn und um die Queen wird soviel Tamtam gemacht. Alle
Fernsehkanäle voll ihr Du siehst nichts anderes mehr“. Die Frau, die am anderen Tisch im Altersheim
saß und an ihrer Zigarette zog, hatte mehr als dreißig Jahre hier gearbeitet. Sie war gerade im Krankenschein und besuchte ihre Kolleginnen. Marina, die
zusammen mit ihrem Mann bei dessen Onkel im Pflegeheim war, horchte genau hin,
was die einfach wirkende Frau sagte. „Diesen Job kannst Du keine 50 Jahre machen. Das ist
unmöglich.“ Entweder war sie in der Küche beschäftigt oder Altenpflegerin.
Marina wusste es nicht so genau. Der Umgang mit alten Menschen, die keine
Aufgabe mehr hatten, pflegebedürftig und dement wurden, war nicht einfach.
Marina spürte es, während sie in den Aufenthaltsraum sah, wo die Senioren dicht
auf dicht nebeneinander saßen und sich kaum unterhielten. Es gab Kuchen am
Nachmittag. Wer Besuch danach bekam, war etwas besser versorgt und konnte im
wunderschön angelegten Garten sitzen
Wenn
Marina mit der Altenpflegerin ein Gespräch begonnen hätte, hätte sie ihr
gesagt, dass wir Frauen alle Königinnen und Göttinnen sind. Man durfte es
neuerdings auch sagen und aus sich herausbringen.
„Für Charles ist das eine schwere Bürde. Gerade
die Mutter verloren und jetzt sofort mit 73 Jahren König. So alt. Camilla mit ihren 75 Jahren hat immer ruhig aber wie versteinert neben
ihm gestanden“, würde Marinas Mutter sagen, die die Fernsehübertragungen
verfolgte.
König
Charles III. machte schon fünf Tage nach seiner Amtseinführung den ersten Fehler
in der Öffentlichkeit, als er sich über einen schmierenden Füllfederhalter mit
auslaufender Tinte ärgerte. „I
can`t bear this bloody thing“, schimpfte er. „What they do, every stinking
time”. Das hörte sich sehr menschlich an. Aber königlich war es nicht.
Manche
fragen, was es bedeutet, dass Frauen Königinnen und Göttinnen sind. In Afrika
wurde die „Göttliche Mutter“ verehrt. Wo alles seinen Ursprung hatte? Lange
auch vor dem Patriarchat gab es beispielsweise im keltischen Kult verschiedene
Göttinnenfiguren.
Wo
eine Mutter war, gab es auch Brüder und Schwestern. Wie hatte Rea gesagt, „We
are Family!“
Beziehungen
wie diese ähnelten manchmal einem "Hieros Gamos". Einer heiligen Hochzeit. Mit dieser
Begrifflichkeit hatte sich Marina einst ausführlich beschäftigt und immer
wieder dazu die Augen aufgehalten.
Sie
hatte zwischenmenschlich viel erlebt. So war zwischen dem alten Mann, der bei ihnen,
den Carpentiers, wohnte, sowas wie eine
Symbiose entstanden. Man ergänzte sich gegenseitig. Hieros Gamos.
Und
dann war da in Marinas Kopf ein Spruch aus einem afrikanischen Pavillon von der
EXPO, der Weltausstellung aus dem Jahr 2000 in Hannover, die Marina damals
besucht hatte.
„Woher
weiß man dass die Nacht vorüber ist…? …wenn man aufwacht, und in die Augen
eines Bruders schaut.“ Marina war dankbar für solche Beziehungen.
***
Einmal
hatte Marina ein Meet & Greet mit Rea Garvey in ihrem Heimatort gewonnen.
Und wie er beim Konzert erzählte und es später in der Zeitung zu lesen war, war
Saarbrücken auch bedeutend für ihn.
Es
muss nicht alles immer positiv sein. Nicht nur Beziehungen, sondern auch Schmerzen können antreiben, sich zu
verbessern.
Garvey:
Ich erinnere mich an eines meiner ersten Konzerte in Saarbrücken mit meiner
irischen Band vor langer Zeit. Es waren vielleicht sieben oder acht Leute in
dem großen leeren Raum. (Anmerkung der Autorin er meint in der Saarbrücker
Garage) Ab und zu konnte man jemanden in der leeren Dunkelheit eine Zigarette
rauchen sehen. Ich verließ diese Nacht mit dem Wunsch, in einen vollen Club
zurückzukehren, in dem die Leute Schlange standen, um hineinzukommen und die
Dunkelheit zu füllen. Es passierte ein paar Jahre später mit Reamonn – und ich
erinnere mich, wie stolz ich war und wie hart ich dafür gearbeitet hatte, um
dies zu erreichen. Das ist eine schöne Erinnerung für mich. Danke Saarbrücken!
(SZ, 12.Sept.2022, B6)
Heute
sprach man häufig von der Einen Welt und von Family. Social Media wie Facebook
und Instagram, Tiktok und co. haben uns näher zusammengebracht. Zumindest Fans
wissen mehr von den Stars und Influencern durch das Internet. Auch wenn vieles
gestellt ist und nicht das wahre Leben zeigt. Man zeigte sich eher von seiner
besseren Seite.
Marina
stellte fest, dass sie am gleichen Tag ein neues Kleid mit Blütenblättern per
Post bekam, dass auch zur Musik von Rea Garveys Album "Hy Brasil" passte. Aber
kaum einer bemerkte das. Auch bemerkten die Menschen nicht, dass sie während
des Konzertes eine tanzende Frau neben sich hatte, die vollends in der Musik
aufging. „Ein rockender Engel“, dachte Marina., als sie die blonde Frau mit der
langen Mähne sich bewegen sah. Marina hatte ein Auge dafür. Auch, dass das Interesse der Musik Garveys
galt und weniger seiner Person. „Ich find ihn toll,“ würde sie zwar später zu
Marina und ihrer Freundin sagen. Aber das war nicht die ganze Wahrheit. Sie
hatte Marina gezeigt, wie eins man mit sich sein konnte bei diesem Konzert ohne
den Künstler persönlich hinter der Bühne zu treffen. Das gefiel Marina. Warum
kannte sie diese Frau eigentlich nicht näher?
Das Lebacher Konzert ging zu Ende. Marina und ihre Freundin fuhren beseelt durch den Regen wieder nach Hause…
***
Während
Marina so am Fenster im Zimmer ihrer Tochter stand, konnte sie sehen, dass jüngere
Generationen in die mittlerweile älteren Häuser einzogen waren. Es entstanden in
ihrem Wohngebiet in Saarbrücken neue, weit aus offenere Verbindungen mit den zugezogenen
Nachbarn, den NachbarInnen und den -kindern. Man organisierte die ersten Nachbarschaftsfeste.
Heuer war wieder eins. Und man kannte sich besser – auch dank des schriftlichen
Austausches über Nachbarschaftsgruppen bei Whatsapp.
Die
neue Nachbarin und der neue Nachbar hatten nicht nur gemeinsam ganz in der Nähe
ein Haus gekauft, sondern wollten auch heiraten. Sie luden Marina und Daniel
und die ihnen nahestehenden Menschen zum Sektempfang nach der standesamtlichen
Trauung ans Rathaus ein.
Marina
hatte sich am Morgen nach dem Konzert für die Hochzeit hübsch gemacht. Daniel
und sie waren pünktlich an den Treppen des Rathauses. Ganz in der Nähe parkten
sie. Der Regen hatte immer noch nicht aufgehört. Ein paar neu hinzugekommene
Gäste warteten ebenfalls auf Braut und Bräutigam. Der Eltern des Bräutigams
waren italienischer Herkunft. Die Rathaustür stand auf. Abundzu kam jemand
heraus. Jemand erklärte, wer wer war. Dann kam die ganze Hochzeitsgesellschaft.
Man reichte sich die Hände.
Jemand
kam auf Marina zu, noch bevor sie ihren sehr festlich aussehenden Nachbarn zu
ihrem neu eingegangenen Bund gratulieren konnte.
Ein
Moment des Innehaltens kam. Irritation. Staunen. Wer war das denn, der ihr die
Hand entgegenstreckte? Sie erkannten sich gegenseitig.
„Sind Sie`s?“ „Wir kennen uns doch von gestern
Abend.“ Der Lebacher Zeltpalast war 35 km entfernt.
Der
ältere Sicherheitsbeamte vom Vortag beugte sich über Marina. Was für ein
Zufall. Was für eine Welt. Die ganze Familie halt. Rea hatte es auf der Bühne
gesagt. Auch Könige kamen hinzu, nachdem die Queen in diesen Tagen durch
ihren Tod eine so zentrale Rolle in der Öffentlichkeit einnahm…Heilige
Hochzeiten.
„Falls
Sie mich mal brauchen für eine Fahrt etc. Wir können für Sie da sein. Nur dem
Bräutigam Bescheid geben.“ Der Mann würde für Marina da sein, wenn sie ihn mal
brauchen würde. „Die beiden sind wie Brüder aufgewachsen…“, erzählte später
seine Mutter tatsächlich der gelähmten Frau. Die etwas ältere Dame war hübsch,
hatte eine schöne Goldkette an und plauderte etwas aus ihrem langen Arbeitsleben
als Krankenschwester in Deutschland. Sie nahmen ein paar Drinks und ein paar
Canapés. Die Hochzeitsgesellschaft unterhielt sich. Feierte schon mal.
Und
dann nach etwa zwei Stunden unter dem kleinen Zeltdach, das wegen des Regens
vor dem Rathaus aufgebaut war, verabschiedete sich diese Mutter von Marina, die
ihr kurz vorher noch gänzlich unbekannt war, eben mit den Worten einer Mutter.
„Tschüss, mein Schatz.“, sagte sie.



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