Freitag, 25. Oktober 2019

Konsumspass

(Bessere Lesbarkeit am Handy bei Webversion)
Aus kleinem Anfang entspringen alle Dinge
Marcus Tullius Cicero

Besonders gewidmet allen Frauen 
mit viel A-Buchstaben im Namen.


Luciah würde wieder in ihr Einkaufszentrum fahren. Mit einer Geschichte im Gepäck für den ehemaligen RTL-Bachelor, der am Nachmittag dort eine Veranstaltung moderieren wollte.

Eigentlich hatte sie davon in der Zwischenzeit Abstand gewonnen und sich als Ersatz ja den 'weißen Elefanten' gekauft, der sie daran erinnerte nicht irgendwelchen C-Promis hinterherzulaufen. Und dann kam ja noch der Mann in ihr Leben, der diesem Jan Kralitischka verblüffend ähnlich war. Und bei jedem Aufeinandertreffen ging ihr Herz besonders auf.
Zeit also loszulassen und Neues zu beginnen.

Aber Luciah hatte ihre Rechnung ohne ihre Spiritualität gemacht. 
Die ehemalige Rose vom Bachelor und die Uhr

Sie hatte bei ihren Einkäufen im Center davor gelesen, dass genau dieser Bachelor wieder kam. An jenem Morgen frühstückte Luciah aber noch mit Fleurance. Von dort aus würde ihr Weg später zum Einkaufen führen.

Fleurance war die erste große Fair Trade Lady in Deutschland, die zu Ehren kam. Als Frühstücksbotin auf ihrem Motorrad, die Menschen mit fairen Produkten (Keine Kinderarbeit, Mindestpreise, Sozialprämie und hohe ökologische Standards) in ihrem Zuhause von der guten Sache überzeugte,  wurde sie bekannt.

Luciah hätte also allen Grund gehabt, sich gründlich auf ein schönes Frühstück vorzubereiten. Und was tat sie? Sie tat nichts. Sie kaufte nicht ein – auch weil sie erkältet gewesen war - und bereitete nichts Spezielles vor.
Na ja beinahe nichts. Einmal wöchentlich legte sie eine frische Tischdecken auf. Auch ein blanker Holztisch war nämlich ein schöner Anblick. Selbstgekochte Marmelade, Honig und Zimtcreme aus Fairem Handel, Käse, - am Morgen keine Wurst - Frischgurken und Äpfel von den eigenen Feldern waren da sowie regionaler Apfelsaft.
„Brotreste musste ich heute morgen wegen Schimmel entsorgen“, meinte ihr Mann Enrico, der abundzu den Tisch für die Familie deckte. Er und die Kinder aßen Müsli.
Kein Brot. Als typische Französin wollte Fleurance Croissants mitbringen. Na ja. Die beiden Brötchen, die sie ursprünglich für sich beim Bäcker gekauft hatte, legte sie in Luciahs Brotkorb achtsam dazu.
Mittlerweile konnte man bei den Williams zwischen Margarine und Butter wählen. Oder zwischen Kuhmilch und Sojamilch und einem Hafermilchdrink.


Aus der Dunkelheit brach ein Licht und erleuchtete meinen Weg 
Khalil Gibran

„Du musst es schönmachen“. Gott war wieder mit seiner Luciah bei ihrer nächtlichen Tour in seinem goldenen Ferrari unterwegs. Manchmal nahm er sie in ihren Träumen mit. Diesmal war eine Leuchtschrift ausgehend von ihrem Bungalow auf den Wagentür projieziert, als sie einstieg. Schon komisch, dachte sie, als sie Gott im Wagen freundlich begrüßte. Wie der Gruß war, das war heute ihr Geheimnis. Aber so dachte sie sofort, warum spricht er nicht direkt mit mir über die Schönheit des Tuns, wenn er mir dazu etwas heute auftragen will. Aber das war ihr Gott. Er hatte seine eigenen Mittel und Wege. Als kleines Signal hatte er an Luciah vorbeigesehen auf den Projektionsstrahler, von dem die Schrift kam. Und tatsächlich der hing heute Abend am Haus. Seltsam. „Du musst es schönmachen…“ War das eine Botschaft für Luciah oder von ihr? Das war nicht eindeutig.
Sobald es auf die Hauptstraße ging, spielte Gott ein Lied.


Das war seine Begrüßung. Luciah musste so lachen. Das war wirklich süß. Aus „Du musst es schön machen“ an der Autotür, wurde ein „Ich lieb Dich“ geschrieben mit einer Taschenlampe am Himmel. Waren das nicht wunderbare, verbindende Worte… Aber was würde Luciah heute Abend erleben? Sie schaute neckisch durch die Scheibe in den Abendhimmel. Sträuße von Kometen? Wow. Da konnte man sich ja was wünschen?! Was für eine Nacht. Was würde werden? Ja, sie kannte den Sänger Markus. Als junge Journalistin hatte sie das Glück ihn mal auf einer Wiese in der Nähe ihres Heimatsenders zu interviewen… Dieser Sänger hatte seinen ersten Hit…Aber das war lange her. Nun war ja eine neue Zeit. Hier mit Gott im Ferrari.
„Ich zeige Dir heute, wie man Zahnpasta selber macht und wir machen einen kleinen veganen Kochkurs“ Gott hatte seine Pläne und er wurde konkret. Wer es noch nicht wusste…. mit seinem Ferrari konnte man sekundenschnell in der ganzen Welt sein, wenn er es denn wollte.
Aber sie fuhren nicht weit. Der Ferrari rollte zum Saarbrücker Staden. Gott suchte keinen Parkplatz. Er fuhr unter einen Kastanienbaum, der vom Ferrari in der Dunkelheit angestrahlt wurde und irgendwie magisch wirbelte plötzlich das Herbstlaub um das Auto herum. Der Wind musste eingesetzt haben, aber keine einzige Kastanie fiel auf den teuren Schlitten. „Eine Wolke muss ihn wohl umgeben“, dachte Luciah während Gott gelassen dem Treiben zusah. Er hatte seine Hände vom Lenkrad genommen und ein paar Gartenhandschuhe aus dem Handschuhfach genommen. Als sich der Wind gelegt hatte, stieg er aus und begann in den Blättern vorm Auto zu wühlen.
Luciah beobachtete ihn. Zwischen ihnen herrschte sowas wie stille Übereinkunft. Sie musste ihm nicht folgen, sondern konnte sein wie sie wollte. Sie begann trotzdem im Handschuhfach nach weiteren Handschuhen zu suchen. Stattdessen fand sie eine Taschenlampe. Sie öffnete die Tür und leuchtete Gott, dass er auch neben dem Auto gut ein paar Kastanien finden konnte. Er steckte sie in seinen großen Mantel mit den breiten Taschen. „Jetzt haben wir genug“. Luciah hatte keine Angst, jemand könnte aus der Dunkelheit kommen und beide erkennen. Wer sollte das denn sein?
Dann fuhren sie weiter… Während sie so fuhren, dachte Luciah umweltbewußt. „Warum sammeln wir diese Baumfrüchte nicht im Hellen?“ fragte sie Gott. Jetzt lachte Gott. Ach ja, Luciah verstand. Vielleicht tat Gott das ja auch meistens. Nur mit seiner kleinen Luciah nicht. Die besuchte er ja nachts, wenn sie träumte. „Es geht also nicht anders für mich… “, resümierte Luciah die Gedanken und sein Lachen. Gott öffnete weiter seine Augen und sah sie von der Seite an. Sein kleiner Stern hatte verstanden.
Dann sagte Gott zu ihr: „Ich möchte mit Dir in Dubai jetzt einen Kochkurs machen.“ Luciah war nicht müde und schon immer neugierig gewesen, diese Stadt kennenzulernen. Aber für einen Kochkurs nach Dubai? Nee, nee, das musste nicht sein.
Sie plante schon mit ihren Kindern und Enrico im kommenden Jahr die Expo 2020 dort zu besuchen. Sie war in Portugal, in Hannover und in Mailand auf diesen Weltausstellungen gewesen. Für Hannover hatte sie als Journalistin gearbeitet und besondere Erlebnisse gehabt, die wegweisend nach Dubai führten. Aber nur zum Kochen dorthin? Lieber nicht! Sie war immer mit Gott in seinen Träumen mitgereist. Hatte sich überraschen lassen und war begeistert. Im Jahr 2019 – nach 17 Jahren mit ihm im goldenen Ferrari - sagte sie zum ersten Mal nein. Und das hatte seine Gründe.
Gott hatte der Menschheit die sozialen Media u.a. Instagram gebracht. „Was für eine Wohltat,“ fand die Frau mittleren Alters. Man konnte im Morgenrock von Istanbul nach Kapstadt zurück nach Dubai und Bali und dann noch nach Australien und Neuseeland mitreisen. Das Bettenmachen im Williamschen Bungalow am Morgen war beispielsweise überlagert von den Bildern der Seelöwen, die am Pier 39 in San Francisco gestrandet waren. The world wide web was calling - everywhere.

Sie fanden eine lauschige Hütte mit angrenzendem Vereinsraum mitten im Wald. Es konnte sein, dass auf dem Weg dorthin die Ferrari-Räder schmutzig werden würden. Aber MeinGott…es war sein Ferrari..noch irgendwelche Fragen?

Bereitstanden auf dem kleinen Tisch in der Küchenecke
Birkenzucker (Xylit), Natron und Bentonit Heilerde mit einem kleinen Aufkleber „aus der Apotheke“ und ein Glas. In einer kleinen Yin- und Yangdose lag etwas Zimt und getrocknete Minze für den jeweiligen Geschmack.

Luciah, die diese Location von einigen Feiern her kannte und heute Nacht vorgeschlagen hatte, wurde aktiv. Nachdem Gott anfing, Kastanien zu schälen, tat sie es ihm nach. Einer griff in die rechte Tasche, der andere in die linke. Der Standmixer, der für leckere Smoothies sonst bereitstand, zerkleinerte die schalenlosen Früchte. „Sie werden für eineinhalb Tage getrocknet“, erklärte Gott ganz menschlich. Luciah runzelte die Stirn. Wie sollte das gehen? „Na ja“, erklärte Gott seinem Schützling. „Du nimmst sie mit und stellst sie in einer Kuchenform auf die Heizung und mischst sie immer mal wieder dort oder legst sie an eine andere warme Stelle auf einem Stück Papier.“ Aber weil der Ferrari jenseits von Zeit und Raum war, stiegen beide wieder ein – diesmal ohne Licht und ohne Geräusch. Es war warm im Auto und die Frau drehte auf ihrem Schoß die neuen Kostbarkeiten immer wieder. Zurück im Vereinshaus mixte Luciah auf Anleitung die Kastanien in ein ganz feines Pulver. Gott mischte alle Zutaten zu gleichen Teilen. Dann war das Zahnpulver fertig und konnte ins Glas gefüllt werden.

Als Luciah am Morgen in ihr Badezimmer ging, fand sie das Glas neben dem Waschbecken. Ein lächender Smiley mit blitzblanken Zähnen und zwinkendem Auge war daraufgeklebt. Die Yin-Yangdose stand daneben. Optionen. Auch die Zahnpastatube lag noch da. Aber wer würde nach so einer Nacht noch herkömmlich putzen??? Luciah drehte das Glas in ihrer Hand, um es liebevoll zu begutachten. „Du und ich, wir wären beinahe in Dubai gewesen…“, dachte sie. Dann nahm sie etwas Pulver auf ihre Zahnbürste und startete in ihren Alltag.   

Fleurance kam also frühstücken. „Wir beschäftigen uns nun schon lange mit Nachhaltigkeit“, sagte die Dame im Gespräch. „Und es bedeutet Verzicht…Luciah widersprach ihr nicht. Aber nicht, wie man es bisher interpretiert, dachte Luciah ihren Träumen nachhängend. Nicht als Verzicht auf etwas, was man braucht. Das hatte Luciah vergangene Nacht gelernt.

                             Fleurance Laroppe, 2010

***
 Teil II


Gaukler


Luciahs Phantasie. Mittags im Einkaufscentrum konnten frau und mann sich verschönern lassen. Make-Up. Frisurstyling. Nageldesign.

Nur wenige fanden den Weg an die Showbühne an einem Arbeitstag, an dem das Center sein 40. Bestehensjubiläum feierte. Auch die beiden Moderatoren hatten wenig zu tun und ließen sich selbst etwas aufpeppen. Ihr Moderationsdialog zum Thema „Persönliches Styling“ fand nur wenig Anklang. Luciah, die zwischendurch Besorgungen machte, sah die gutbesuchte Eiscafe-Area oder Bäckereizone. Die Menschen waren auf "großen" persönlichen Genuß mittlerweile aus. Ein vergangener RTL-Bachelor, der neben diesem Job gerne Anwalt, Model und Handwerker war, interessierte wenig, wenn dann nur mal vereinzelt für ein Foto mit einer flotten Vierzigjährigen. Vielleicht fand man heutzutage auch alles im Internet, wo dieser Bachelor ungern Präsenz zeigte.


Jan Kralitschka, Model und RTL-Bachelor 2013


Luciah hatte bis zum Schluß gewartet bis sie Jan Kralitschka ansprach.

„Hallo, Jan.“ Er umarmte sie großherzig. 
„Hallo, ich hab Dich schon gesehen,“ sagte er lächelnd. Luciah hatte ihn in den letzten fünf Jahren öfters auf Veranstaltungen kurz gesprochen. So kannte er sie.

„Schreibst Du noch Geschichten?“

„Ja.“

„Ich kenn einen Anwalt, der hat seinen ersten Roman „Achtsam morden“ witzig geschrieben hat…einen Beststeller.“

„Ja.“

„Von dem kann er leben.“ Jan sprach das Thema Achtsamkeit, das in Luciahs Texten wichtig war, das Autorendasein und seinen Erfolg an.

„Wenn ein Buch Humor hat und dazu noch ein Krimi ist, ist ja auch spannend…“ konstatierte die sich auskennende Frau.

Luciah schrieb keine Krimis. Ihre Geschichten waren Phantasiereisen für kleine und große Kinder, die bereit waren auch mal neue Antworten auf das Leben zu suchen.

„Aber ich schreibe ja darüber, was mir begegnet“, gab die Autorin ihm gegenüber zurück. Auch wenn Luciah häufig die Umstände etwas zum Guten und auch zum Schutze aller etwas veränderte.

Eigentlich wollte sie niemanden verletzen. Nur Liebe geben. Nur zeigen, was sie so erlebte in ihrer Welt. Und mit wem sie das konnte. 
Es hatte lange gedauert bis sie auch ihre intensiven Gespräche mit ihrem Gott weitergab. ‚Hallo?‘ ‚Antwortet da jemand?‘ ‚Zeigt sich da jemand?‘ waren ja berechtigte Gedanken dabei. Als gläubige Christin, die sich mit anderen Religionen auskannte, hatte sie lange überlegt, überhaupt etwas davon mitzuteilen.


Luciah packte für Jan den großen Umschlag mit der mitgebrachten Geschichte aus.

„Kann man die auch lesen?“, fragte er zurückhaltend. Es war eine von Luciahs Geschichte, die beide verband. Die Autorin zögerte. Niemand erkannte ja sofort den Inhalt des DINA4-Paketes. Und es ging um Demut im Text. Und deren Geschenke. „So vorm Kamin am Sonntag?“, hakte Jan nach. Luciah nickte. „Ganz bestimmt.“

„Ich habe eine Zen-Meisterin, die heißt Sandy. Ich zitiere sie darin.“

„Wie eine ZEN-Meisterin, die SANdy heißt?“. Jan ließ sich das auf den Lippen zergehen. Ach, der Mann fing jetzt ja auch an, Spirituelles zu verstehen.

„Ja, so hat sie sich mir vorgestellt und wir treffen uns manchmal auf der Frankfurter Buchmesse“, antwortete Luciah korrekt.

Die Zweifel waren ausgeräumt. Jan bedankte sich für das Geschenk. (Anmerkung. Der Text heißt: Weihnachtsdinner mit einem Bachelor)
Dann sprachen sie beide noch etwas über die wenigen Besucher beim Event und seine Haltung gegenüber den sozialen Medien, die heutzutage die mediale Aufmerksamkeit und die Reichweite erzeugen. Eine junge Center-Managerin, die Luciah eingeladen hatte, zum Gespräch mitzugehen und zuzuhören, hörte interessiert zu. So war Luciah. 

Ihre Erlebnisse waren nicht für sie alleine reserviert. Ihre Töchter waren bereits mit ihren eigenen Aktivitäten sehr eingespannt. Die jüngste war überhaupt keine Shopping-Queen. Sie ging lieber auf den Flohmarkt, um Dinge zu verkaufen. Luciah hatte früher gerne gehandwerkelt manchmal mit Sachen, die sie günstig auf dem Flohmarkt dagegen fand. Das verband sie ebenfalls mit diesem Bachelor Jan, der gerne zuhause auf seiner selbstgebauten Terrasse saß. (Text: „Luciah renoviert“)


Heute achtete sie manchmal sehr darauf, dass ihre Geschichten schön gestaltet waren und mit kleinen Geschenken bestückt waren.  Und sie bewunderte ihren Mann Enrico. Wie er manchmal in der Küche stand und ein Mahl zauberte, sogar danach gewissenhaft aufräumte. Die großen Schüsseln säuberte. Wie er gelernt hatte, neben seiner Projektarbeit den Garten zu pflegen und sich jetzt nach beinahe zwanzig Jahren an die erneute Innenrenovierung des Hauses machte.

Jan verabschiedete sich. Umarmend.


Anstatt nach Hause zu fahren, bummelte Luciah alleine durchs Center. In der Buchhandlung fand sie das besagte Buch. „Ach, nee, nicht mein Genre“, stellte Luciah fest. Da gefielen ihr andere Bücher einfach besser.




In der Buchhandlung

***


Teil III

Am angebrochenen Abend wurde es doch noch eng, spritzig, lustig, überladen und frauenmäßig. Und das in einem Laden in dieser überdachten Einkaufsstrasse.

Den ersten Laden gab es schon lange. Er verkaufte anspruchsvolle Mode mit einer guten Beratung. Man konnte sicher sein, man erstand lang haltende Lieblingsstücke, die zwar ihren Preis hatten, aber dafür gut ausgesucht waren. Auch die Besucher des Lädchens waren nett. Besucherfrau hatte keine Angst sich einzumischen und so beriet man sich gegenseitig.
Bewundernswert auch wie die Besitzerin überlebte bei all den Handelsketten in ihrer Umgebung. Zuhilfe kam ihr gutausgesuchtes Personal. Den Verkauf fördernd. Auf charmante, diskrete Art.

Nebendran war ein Laden, der hatte seit kurzem zusätzlich zum Sortiment Kleider, Accessoires, Deko und Postkarten. Ein kleiner Markt für die schönen Dinge im Leben, die aber niemand beinahe mehr brauchte, weil man genug davon hatte.

Es gab heute Abend Sekt und Käsestangen in beiden Läden. 

Dieser zweite Laden war klug geworden durch den ersten. Verkaufte der Erste passendes bis maximal Größe 44, hatte der zweite erkannt, dass durch die ganzen Gourmettempels überall auf der Welt viele Frauen deutlich an Gewicht gewonnen hatten und nun großgeschnittene Mode in XL häufig brauchten. Schließlich sollte Kundin zufrieden sein.
Es herrschte Vielfalt sowie ein großes Durcheinander. Schließlich galt es Geld zu verdienen, wenn die Menschen zum Einkaufen kamen. Die verschiedenen Kleidungsstile hingen durcheinander auf den Stangen. Die Menschen waren heute hier auf den schnellen Konsum aus. Das Angebot war schön und verlockend. Instrumentalmusik kam über die Lautsprecher und sollte Laune wecken einzutreten. Vor dem zu kleinen Ganzkörperspiegel würde es Gedränge geben.

Nicht immer waren die Läden so rammschmäßig unterwegs. Als es noch viele Fachleute auf dem jeweiligen Gebiet gab, war die Wahl der besten Stücke oder einer brauchbaren Kombination für kommende Jahreszeiten einfacher. Einfacher auch als es noch nicht so das Fast Consuming gab. Im übermäßigen Angebot noch für sich das Besondere zu finden, wurde zunehmend schwerer. Viele konsumierten daher mehr. Und wussten beispielsweise gar nicht, dass 8000 Liter Wasser verbraucht werden für die Herstellung einer einzelnen Jeans. Einer Hose.

Am gleichen Abend wurde diese Fast Fashion in der "heute show" im ZDF zwar lustig, aber ganz genau unter die Lupe genommen.

Der grüne Knopf, Fast Fashion 
heute show vom 25.10.2019



"Möchten Sie ein Gläschen Sekt, Frau Williams?" . Luciah kannte die Chefin. Sie war nett und modisch wieder on top. Mit einer guten Figur. Mode hatte ihr immer schon Spaß gemacht und wurde zu ihrem Beruf. Sie verkaufte heute alleine trotz des zu erwartenden Andrangs. Ihre Rose vom Bachelor Jan stand in einer Vase. Die Anziehkabine war besetzt. "Danke gern" Luciah griff zu einer Käsestange. Noch hatte sie keine Lust sich umzusehen. Erst mal ankommen im Geschäft. Eine Frau mittleren Alters hob den Vorhang der Kabine.
Sie trug über ihrer Jeans eine dunkelblaue Tunika. Sie drehte sich vor dem zweiten Spiegel im Laden, so dass die Besitzerin Jackie sie beraten konnte. Das blaue Hemd war zu weit. "Ich würd es mal eine Nummer kleiner probieren" Jackie hatte das Teil gottseidank nicht als Einheitsgröße. Sie brachte der Frau aber einen Pulli mit Fransen. "Den hätt' ich auch noch für jetzt die kältere Jahreszeit auch noch" "Ich könnte mir vorstellen, dass er Ihnen gut steht." Er war beigefarben. Richtig, dunkelblau stand der Frau mit den aschblonden Haaren nicht so gut. Während Luciah am Sekt nippte, betraten zwei Frauen den Laden. Es waren Fastschwiegermutter und -schwiegertochter, die für den kommenden Geburtstag der Älteren shopten, wie sich später herausstellen sollte. Jackie bewirtete zunächst die neu angekommenen Damen. Nachdem beide sich zugeprostet hatten, bemerkten sie auch Luciah, die der Frau in der Tunika zugesehen hatte, und grüßten mit ihrem erhobenen Sektglas. Ob heute auch was für Luciah dabei war? Eigentlich wollte sie diese Saison nichts Neues kaufen sondern Altes auftragen. Ja, es gab einige Kleidungsstücke, die sie in Jackies Laden erstanden hatte und die immer noch von guter Qualität waren und modisch so uptodate waren, dass sie gut mehrere Saisons taugten. Luciah kaufte gerne hier das eine oder andere Stück mal ein. Sie erinnerte sich an ein knöchellanges camelfarbenes enganliegendes Kleid mit Lederbesätzen und Druckknöpfen, dass sie geliebt hatte. Die Mode der holländischen Firma "sandwich" wurde ihr hier ein Begriff. Alles war fein aufeinander abgestimmt. Zum schickeren Ausgehen waren Marken wie "mocca" und "nui" dazwischen gehängt. Farblich passende Kombinationen. Für den anspruchvollen Geschmack. Dafür kaufte Jackie mit ihrem Wissen und dem Gespür für Trends jeden Monat in Düsseldorf ein. Ob das auf die Dauer aber reichen würde?

Die neuen Damen schauten nur. Der Älteren gefiel auch der Pulli mit den Fransen. Sie suchte nach farblich passender Lederhose und schönen Stiefeln. Ihre Einkaufstüten aus den anderen Läden hatten sie in die Ecke gestellt. Irgendwie wollte bei Jackies Preisen aber keine richtige Stimmung trotz des angebotenen Alkohols aufkommen. Die erste Frau probierte den Pullover anstelle einer kleineren Tunika. Ein besonders schönes Stück, das ihr gut stand. Aber zu teuer wohl für die andere Dame, um es überhaupt in Erwägung zu ziehen. 98 Euro. Als diese mit ihrer angehenden Schwiegertochter ausgetrunken hatten, verließen beide wieder das Geschäft. 

Luciah war in Schlenderlaune. Sie verabschiedete sich ebenfalls von Jackie zusammen mit der Frau, die den Fransenpulli kaufte.

In dem zweiten Laden fand Luciah die beiden Frauen wieder. Wieder mit einem Sektglas bei dieser trügerischen Musik umgeben von vielen unterschiedlichen Verkäuferinnen, die selbst die Kleidung von der Stange probierten. "Hey, Sie waren doch eben drüben...". Diesmal stießen die Frauen mit Luciah direkt an. Und dann probierten alle in der engen Kabine schnell hintereinander die braunen, gelben, grünen und grauen Kleidungsstücke, auf die es zum runtergesetzten Preis noch Prozente gab. Dafür ließen sie die Hüllen fallen, um das beste Schnäppchen zu machen. Auch Luciah, die nichts kaufen wollte und bei Jackie Verständnis gefunden hatte, wurde hier angesteckt. Später würden die beiden Oberbekleidungsteile zunächst in der Tasche für längere Zeit bleiben. Aber gekauft wurden sie. Weil Luciah im Kaufrausch war. Sich was Gutes gönnen. Egal woher, egal wieviel. Hauptsache modisch und auf den ersten Blick schick. Morgen gab es vielleicht die Ware und die Prozente nicht mehr. Von Umtauschmöglichkeit keine Spur. 

Natürlich berieten sich die Frauen auch untereinander. Egal in welchem Laden, frau gab sein Frausein ja nicht vorne an der Tür ab. Im Gegenteil. Aber dieser Sog. Dieses Geschick der etwas drängelnden Verkäuferinnen auf den Umsatz. Es herrschte Wettbewerb. Das war schon ungewöhnlich an diesem Abend.

"Ich gebe mich heute geschlagen", sagte sich Luciah später zuhause. Es war schön im Kreise hübscher Frauen zu shoppen. Auch, wenn sie ihre Einkaufsphilosphie nicht mehr teilen wollte - und die gekauften Teile auch länger nicht anrührte. Weil sie sie eigentlich gar nicht brauchte...







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