Dienstag, 22. Mai 2018

Trauer. Pfingsten. Liebe.





(Danke, lieber Malte, für die sehr passende Musikbegleitung.
Mehr hier www.maltestageblog.blogspot.com)

Marina fährt den Weg von einer schönen Geburtstagsfeier bis nach Hause. Es ist weit nach Mitternacht. Daniel kann nicht mehr Autofahren. „Ob noch etwas zu sehen ist?“, denkt sie. Dann: „Sind nicht heute Nacht die Kirchen offen?“ Es ist bereits Pfingstsonntag.

Die Christen feiern die Herabkunft des heiligen Geistes über den Menschen, zuerst über Jesu, dann an Pfingsten über die Jünger, wenn sie es richtig weiß. Während Daniel eingeschlafen ist, überlegt sie, ob es eine gute barrierefreie Kirche gibt, wo niemand ihr den Rollstuhl herausnehmen muss. Wo man möglichst dicht mit dem Auto heranfahren kann, und mit jemandem zehn Kerzen anzünden kann.

Nicht alleine sein heute Nacht. Wachen für Frieden. Für Liebe. Für Verständnis. Für die Verstorbenen.  Die verletzten Menschen. Die Seelen der Kinder, die dabei waren. Die Seelen der Verzweifelten. Die Seelen der Geretteten. Für das Gute. Und für die Familie.

Der Bischof von Chicago, Michael Curry, hielt am Samstag während der britischen Hochzeit von Harry und Meghan, seine flammende Rede über die Liebe und dann über das kontrollierte Feuer des Fortschritts. Diese Predigt würde in die Geschichtsbücher eingehen. Da war sich Marina sicher. Überhaupt hatte der Gottesdienst mit der Botschaft „Gott ist die Liebe“ angefangen. Ein guter Beginn.

Wo ist Liebe?
Wenn Marina zuhause die Auffahrt hochfahren wird, wird das Radio gerade Zak Abels „Love Song“ spielen. Es wird 3.18 Uhr sein.

Nein, nicht stehen bleiben auf dem Nachhauseweg und im Handy eine offene Kirche googlen. Weiterfahren. Ihr fällt ein, sie kann zuhause ein Licht anzünden vor ihrer Tür, wo die Absperrung war. Und wo der Polizist am ganzen Samstagnachmittag wachte.

Sie fährt kurz vor der Ankunft am neuen Kreisel an der Fechinger Heringsmühle vorbei. Und plötzlich da sieht sie ihre Lichter. Ganz neu. Brillant zum Wachsein. Jede Lampe, die den großen Verkehrsring beleuchtet, wird nun für Marina eine Bedeutung haben.

Ihre Freundin aus dem Eiscafe hatte ihr tagszuvor um 14.18 Uhr einen Segenswunsch per Whatsapp geschickt.‚Grosse Göttin Erde unsere Urmutter, geh durch mein Haus und nimm all meine Sorgen und Krankheiten mit….‘

Bald danach hört Marina Schüsse. Vier, fünf, vielleicht sechs. Ziemlich kurz aufeinanderfolgend. Die Übertragung der Royalhochzeit im Ersten Programm ist gerade beendet. „Nanu“ denkt sie. Sie ist im Obergeschoß, um sich für die abendliche Geburtstagsparty herzurichten.

Daniel ist außer Haus gefahren. Im Garten vor ihrer Haustür war ein fröhliches Fest mit vielen Kindern zu Gange und er grüßte die Feiernden über den Zaun, bevor er gegen 13.30 Uhr losfuhr.

„Vielleicht sind es Jäger, die früher so oft samstags da waren und übers Feld zogen“, denkt sie. „Was sollte eine so friedliche Atmosphäre hier im Wohngebiet denn stören?“… Vielleicht ist es eine Schreckschusspistole für einen Lauf oder ähnliches…Und irgendwie denkt sie, wenn sie ehrlich ist, auch an Böllerschüsse nach so einer großen Hochzeit... In unmittelbarer Nähe ihres Bungalows mäht ein Nachbar seinen Rasen ohne Unterbrechung. „Warum also direkt an was Schlimmes denken?“ Später wird sie froh sein, dass Daniel außer Haus war. Dass auch sie nichts weiter mitbekommen hat. Auch der alte Mann nicht, der bei ihnen wohnt, und einen Mittagsschlaf hält.

Er hört im Halbschlaf Menschenstimmen. Es ist ein Geschrei einer jungen Frau mit Kind, die aus dem Garten zu einer Nachbarin unterhalb des Wohnhauses der Carpentiers rennt. Der alte Mann wird dann Marina die Leute von der Spurensicherung auf der Terrasse vom Küchenfenster aus zeigen. Der Helikopter kann nicht direkt im Wohngebiet landen. Ein Zelt am Wohngebietanfang wird aufgestellt vom DRK für die Notseelsorge. Polizeifahrzeuge und Polizisten, Krankenwagen, Ärzte und Sanitäter, die Straße entlang sind im Einsatz.

Marina wird per Whatsapp die Nachbarn fragen, was genau passiert ist, um nicht im Ungewissen zu bleiben. Sie wird Daniel vorwarnen. Eine Familientragödie. Sie weiß mehr darüber. Denn es ist vor ihrer Haustür.

Als sie nun das Auto parkt und Daniel weckt, schaut sie auf das verlassene dunkle Nachbarhaus. Die Rollläden sind unten. Die Absperrung ist weg, die Menschen sind weg. Der Rest der Banderole ist noch um den Laternenmast und um das Gartentor gewickelt. Und dann nimmt sie eine Kerze und zündet ein Licht vor ihrem Eingang an.  Es ist wieder Pfingsten geworden. Und die Botschaft lautet nicht nur Jesus und die Jünger, sondern auch wir.


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