Sonntag, 9. Februar 2014

Übertriebene Empörungsdemokratie in Deutschland - nein danke!



Eine Facebookfreundin postet dauernd etwas gegen die Ungerechtigkeiten im Umgang mit Tieren. So viel, dass ich nicht mehr folgen kann. Ich gebe aber zu, sie hatte mich vorher gewarnt.

Unterschreiben sollte ich auch von anderer Seite die Petition gegen Markus Lanz. Das wurde mir zuviel, nachdem ich mir auf youtube dieses schlechte Interview mit Sahra Wagenknecht angesehen habe. So schlecht hatte ich ihn zwar nicht in Erinnerung, aber ein Aufruf auf diese neue Art und Weise dafür zu unterschreiben?


Analyse im Deutschlandfunk zu dieser Petition in der deutschen Gesellschaft - wer sie hören will.

KRITIK AN MARKUS LANZ"Es ist schon eine massive Dimension"

Social Media-Experte über die Folgen eines Shitstorms
Bernhard Jodeleit im Gespräch mit Julius Stucke


Wie wir nun wissen, hat die Dame, die zur Petition gegen Lanz aufgerufen hat, nicht mit einem solchen Ausmaß der Aufmerksamkeit für ihr Anliegen gerechnet. Nun bestätigt der Forscher im Deutschlandfunk, dass diese Aufmerksamkeit zwar groß, aber nicht zu groß war, als dass das ZDF nicht mit solchen Zahlen wie 220 000 Unterschriften umgehen könnte. Dies sind im Vergleich zur gesamten Reichweite der Sendung in den Medien und der Wirksamkeit einer öffentlichen Persönlichkeit wie Lanz viel, aber immer noch wenige. Wenn man bedenkt, wie schnell heutzutage durch die Sozialen Netzwerken solche populistischen Petitionen unterschrieben werden können.


Die Herkunft des Begriffes "Empörungsdemokratie"


"Als „Übergang von der Mediendemokratie zur Empörungsdemokratie“ bezeichnet dies der Medienforscher Bernhard Pörksen. Er glaubt, dass wir uns für die Zukunft auf neue „Empörungsverhältnisse“ einzustellen haben.
Das Problem dabei: Die „Empörungsdemokratie“ ist, wie der Name schon suggeriert, hochgradig emotional. Sie transportiert auch Inhalte, gewiss, aber natürlich auch Gefühle. Ungefiltert, machtvoll, oft leider ohne Substanz. Kann sein, dass der, den die Emotionswoge überrollt, untergeht. In Zeiten, wo Bürger anderer Länder via Internet Regierungen zu Fall bringen, können Deutschlands Bürger vermutlich auch einen Moderator zum Abschied vom Bildschirm bewegen."

(Gisela Rauch in http://www.mainpost.de/ueberregional/meinung/Leitartikel-Die-Empoerungsdemokratie;art9517,7913701)


Und

"Smartphones und mobiles Internet verändern die Massenmedien - denn sie verlieren dadurch an Meinungshoheit... 

Medienwissenschaftler Professor Bernhard Pörksen sieht Deutschland angesichts der wachsenden Bedeutung des Internets auf dem Weg in eine "digitale Empörungsdemokratie". Jeder könne mit einem Smartphone Themen bekanntmachen, Massenmedien verlören daher zunehmend ihre Deutungshoheit, sagte Pörksen am Freitag auf dem sogenannten Content-Gipfel zum Abschluss der Medientage München. Früher hätten wenige Meinungsprofis bestimmen können, was wichtig werde. Das habe sich geändert.

"Die Gesellschaft verwandelt sich in eine Erregungsgesellschaft", sagte Pörksen. Der Wettbewerb werde zunehmend durch die Lautstärke und das Spektakel geprägt. "Und alles wird für alle sichtbar." Es regiere nicht mehr eine zentrale Medienmacht. "Das ist eine gute und eine schlechte Nachricht", sagte Pörksen." (http://www.digitalfernsehen.de/Empoerungsdemokratie-Medienwissenschaftler-kritisiert-Internet.93934.0.html)
Wer den ganzen Vortrag von knapp 18 Minuten als einer der ersten youtube-Nutzer sehen will, hier ist er - aus 2012 übrigens:


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Krass ist, dass es so werden könnte, dass die Schere immer weiter auseinanderklaffen könnte– eben zwischen solchen hetzerischen Themen, wo jeder mitreden kann gegenüber von Themen, mit denen man sich erst einmal intensiver auseinandersetzen müsste, damit sie für einen interessant werden. Dies zeigt auch die hohe Beteiligung an Zuschauerreaktionen zu den Fernsehformaten wie “Dschungelcamp”, “Bachelor” “Germanys Next Topmodel” oder “Deutschland sucht den Superstar”. Leicht konsumierbar, für die Beteiligten aber oft verachtend. Manche sind dafür, manche dagegen. Was, wenn diese Masse an Meinungen auf die breite Öffentlichkeit gelenkt wird? Und so gegenüber weniger kontroversen, aber wichtigen Sendungen in den Vordergrund gestellt wird?
Ich bin gegen eine solche Empörungsdemokratie.

Deshalb bitte ich alle, die Interessantes und für sie Wichtiges mir näher bringen wollen, es herunter zu brechen und populär und leicht und persönlich zugänglich zu machen. Damit ich lerne, wofür sich andere engagieren und kennen lerne, was ihnen wichtig ist. Verabredet Euch mit mir. Macht Versammlungen. Genau dazu bieten die Sozialen Netzwerke ebenso die Möglichkeit. Vielleicht bekommen wir dann keine Kultur des Wegschauens, sondern das eine oder andere Mal des gezielteren Hinschauens, können engagiert aktiv werden bei Interesse. Und werden langsam an eine Sache heranwachsen. Auch wenn die Zahlen bei Facebook oder sonst wo dabei nicht so schnell in die Höhe steigen.

Manchmal ist die Information genau richtig wie die der Fête de la Chanson Francaise 10 Ans auf TVMonde am Samstag Abend, wo ich u.a. die französischen Sänger Garou, ZAZ und TAL kennen lerne und höre wie die Musikszene Frankreichs derzeit aussieht.



Manchmal sollte eine persönliche Konsequenz folgen wie die Einladung zu einem Veggiebrunch zur Weiterentwicklung des Themas auf eine konkrete Ebene, auf der Menschen handeln lernen. So wünsche ich mir zukünftiges Verhalten. Auch wenn dies Zeit, Energie und Kraft kostet und nicht so schnell ist wie eine Unterschrift bei einer Petition.

Haben wir den Stein angestoßen, fängt er an zu rollen. Wohin entscheiden wir, wenn wir ihm Hilfestellung dabei geben. Was anfänglich negativ war, weil Dampf abgelassen wurde, kann sich in eine kraftvolle Dynamik verwandeln und daher eine gute Richtung einschlagen. Wir brauchen also unsere anfängliche Wut, um etwas positiv voranzubringen. Alleinige Empörung wäre aber zu wenig.

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Meine eigene Erfahrung stützt sich auf meine beiden Posts zum RTL-Bachelor und meinen Text "Luciah - Der Bachelor und der Elefant" dazu, der bei mir erhältlich ist.

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Hier noch ein konkretes Beispiel zum Diskurs und Nachdenken:

Laura schreibt in ihrem Blog "Die neue deutsche Sachlichkeit"über das Ausmaß der Reaktionen  über ihren eigenen provozierenden Beitrag http://wyme.de/das-anagramm-fur-hochkultur-ist-nicht-julia-engelmann/ zum vielgesehenen Video von Julia Engelmann (siehe den Post "Fröhliche Weihnachten, Prosit Neujahr")

Mein Kommentar dazu:

Nein, liebe Laura, du berührst mich, dass ist der Grund, warum ich Dir schreibe. Wenn Du mich "negativ" berührst, schreibe ich Dir trotzdem positiv, weil es meine Art ist und meine Erfahrungen darstellt. Nicht weil ich ein Hater bin, sondern ich fühle mich einfach herausgefordert.

Wenn Du “positiv” schreibst, berührst Du mich auch und ich gebe gerne Feedback. Die neue deutsche Sachlichkeit, wie Du sie nennst, ist so lange okay, wie sie nicht belanglos und langweilig wird. Dein Text darüber ermutigt mich im Steppenwolf von Hermann Hesse nachzulesen oder über Nietzsche und Reich-Ranicki nachzudenken und darüberhinaus. So sollten Texte sein. Und Deiner ist so. 

Viele Grüße noch aus dem quicklebendigen Amsterdam, Heike
 
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Danke für den interessanten und sehr anregenden Beitrag.Viele Standpunke teile ich. 
Zwei Ansätze sehe ich aus einem anderen Blickwinkel:

Zum Einen die zutreffende Erkenntnis, dass sich die Mediendemokratie verändert. Ich empfinde es als Erleichterung. Seit in den späten Sechzigern das Massensterben der regionalen Zeitungen begann (und noch nicht abgeschlossen ist), hatte sich zumindest in bestimmten Gegenden, auch dem Saarland, die Dominanz eines einzelnen Mediums oft so verfestigt, dass Journalismus seine Hauptaufgabe nicht mehr in der (durch die Redaktion klar und für den Leser verständlich voneinander zu trennenden) Berichterstattung sowie der Kommentierung sah, sondern im gezielten Herbeiführen einer Mehrheitsmeinung. Das ist ein nahezu unverzeihlicher Verrat am Grundsatz des Ringens um Objektivität, denn hier verläuft die Grenze zwischen Journalismus und PR bzw. Lobbyarbeit.
Dem wirken die sozialen Medien entgegen. Natürlich wird dies immer solche Auswüchse begünstigen wie die Hatz auf Markus Lanz, doch wenn sie durch eine verärgerte Person angestoßen wird, ist gleich, ob dies ein Journalist oder ein "Wutbürger" ist: Entscheidend sind Inhalt und vor allem Reichweite: Die Reichweite der regionalen Tageszeitung ist selten groß genug, um jedenfalls 100.000 Menschen auch nur zum Klick auf eine Internetseite zu bewegen.

Damit herrscht wieder eine gewisse Waffengleichheit zwischen Lesern und Journalisten: Früher korrigierte (und "reinigte") der Berufsstand sich fast immer selbst, da eine größere Zahl an honorigen Journalisten arbeitet als solche, die dem Tendenzjournalismus verpflichtet sind. Dieses Korrektiv war aber, wie gesagt, durch die lokale Monopolisierung weggefallen: Wahr war per se, was in der Zeitung stand. Ehe die Grenze zum Recht auf Gegendarstellung erreicht ist, fehlt es zumeist an der klar falschen Tatsachenbehauptung. Bloße Ungenauigkeiten, Verallgemeinerungen oder Wertungen reichen nicht aus. Es bestand weder für den Sportverein noch den Angeklagten, den Kommunalpolitiker oder den Ortsinteressenverein die Chance, die Meinung auch nur zu artikulieren. Die Pförtnerstellung der Berufsjournalisten hat jetzt ein wohltuendes Korrektiv erfahren.

Wie der Rezipient eines Mediums dieses gewichtet, sei es eine Zeitung oder ein Blog, eine "Petition" oder ein Online-Profil, ist nun wieder in seine ureigene Hoheit gestellt: Die Primärquelle wird dank der neuen Medien zumeist viel leichter oder überhaupt erst zugänglich. 

Der zweite Aspekt ist jener der Komplexität, den Sie gegen Ende ansprechen: 
Natürlich ist es ein Wert an sich, einen Beitrag, z.B. Text, leicht lesbar zu gestalten.
Doch halte ich es auch gerne mit der seit den Zeiten des Bauhaus bewährten Regel, dass die Form der Funktion folgen möge:
Ein komplexer Sachverhalt hat ein Recht, auch bis in die ihm gebührende Tiefe erörtert zu werden. 
Hinzu tritt, dass wie bei allen kreativen Prozessen auch dem Vorgang des Schreibens eine Eigendynamik immanent ist. Genauso wichtig ist darum nachzuvollziehen, dass der Stil auch ein Teil des Inhalts ist: Wie in der Malerei, selbst dem hyperrealistischen Gemälde oder der Musik, auch wenn sie lautmalerisch arbeitet, bildet der Schreibstil ein wichtiges Kriterium, welches nicht nur formalen, sondern auch inhaltlichen Charakter hat:
Es nimmt, ob gewollt oder ungewollt, die erste Filterstellung ein: Wir haben durch unsere Lesegewohnheiten im Lauf unseres Lebens bestimmte Erfahrungen gemacht. Für mich bedeutet der einfache, leicht verständliche Artikel oft eine Verallgemeinerung und fehlende Nuancierung. Er ist leicht verständlich, weil er das Spektrum der Sprache nicht ausschöpft. Dies ist gerade bei Fachtermini ein Manko. Als einfaches, leicht verständliches Material muss mir jetzt das Grundgesetz mit drei Beispielen dienen:

a) Die wenigsten Beiträge beachten, dass sich das Grundgesetz in Artikel, nicht in Paragraphen gliedert. Damit ist die erkennbare Sonderstellung aufgehoben.
Zwar wird leichter klar, dass es sich um Gesetzestexte handelt, wenn man von Paragraphen statt Artikeln spricht. Aber die Tatsache, dass das Grundgesetz im Gegensatz zu den übrigen Gesetzen in seinem Wesen nicht verändert werden kann, trott weniger hervor. Seine Wirkung als in jedem Bereich unmittelbar geltendes Recht, ist reduziert, da es gleichsam eingeebnet wird zu anderen Gesetzestexten.

b) Genauso wird, um eine internationale Vergleichbarkeit zu betonen, von der "Verfassung" gesprochen. Während viele Staaten und die Bundesländer tatsächlich über eine Verfassung verfügen, hat die Bundesrepublik eben ein Grundgesetz und somit eine verfassungsmäßige Ordnung eigener Art. Es ist eben ein Gesetz, keine Verfassung. Die Gründe sind mannigfaltig und sprengen den Rahmen, aber sie hängen mit Spezifika der Geschichte Deutschlands zusammen, die in dieser Form einmalig sind, von der Debatte um die klein- oder großdeutsche Lösung der 1860er Jahre bis zur Frage der Definition des Staatsvolkes in den Jahren 1946-1949 zusammen. Der Begriff "Verfassung" statt "Grundgesetz" verschweigt dies und vieles mehr.

c) Selbst der Verknappung, vom "deutschen Grundgesetz" zu sprechen, wohnt das Problem der Vereinfachung auf Kosten der Wahrheit inne.
Es gibt eben kein "Deutsches Grundgesetz", "Grundgesetz von Deutschland" oder ein "Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland".
Es heißt aus sehr triftigem Grund: "_Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland_".
So ist dem Leser sofort signalisiert, dass es dich um eine völlig andere Konstruktion handelt als die Verfassung, die ein Stast sich gibt, oftmals sein Staatsvolk darüber entscheidet und so den Herrschaftsvertrag begründet: aus souveränem Willen. Das Grundgesetz grenzte mit den Worten "für die Bundesrepublik" bewusst ein, dass es für einen Teilbereich Deutschlands galt, die drei Westsektoren, stellte klar, dass es provisorisch gedacht war für einen Teilstaat (wie Art. 23 in der alten Fassung verklarte) und territorial, nicht aber personell definiert, was "Deutscher" ist: Die Bewohner des Saargebiets beispielsweise wären sonst per definitionem keine "Deutschen"
mehr gewesen. Auch geht der Bezug zu vierzig Jahren Deutscher Teilung ebenso verloren wie die Tatsache, dass es sich beim Geltungsbereich des Grundgesetzes zunächst und bis 1973 und 1990 um einen in keiner Weise souveränen oder "vollständigen" Staat handelt: ein textliches Provisorium, das ein staatsähnliches Provisorium gründete als "Grund"-Gesetz.

Mir war wichtig, anhand dieser kleinen und alltäglichen Ungenauigkeit, dem Sprechen von der "Verfassung Deutschlands" statt vom "Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland" zu zeigen, dass vermeintlich leicht verständliche und kurze prägnante Sprache zu oft ein zweischneidiges Schwert ist, um sie als per se erstrebenswert zu wählen.
Jede Vereinfachung ist auch eine Verfälschung durch Verkürzung. Hier das rechte Maß zu finden, ist Teil des Schaffensprozesses. 
Und zuletzt unterscheidet das Ergebnis den gelungenen vom misslungenen Beitrag: Darum neige ich zur Ansicht, dass die kurze Darstellung in aller Regel nicht etwa eine Reduktion aufs Wesentliche ist, sondern eine Subjektivierung, die durchaus berechtigt und zweckdienlich sein kann.


Die kurze einfache und leicht verständliche Sprache als Stil zu verwenden birgt jedoch enorme Risiken: Je weiter man sich von bekannten und konsensualen Gemeinplätzen entfernt, desto schwerer wird es, dem Anspruch auf Wahrheit, Genauigkeit und guter Lesbarkeit gleichermaßen Rechnung zu tragen.

Sascha Zehner
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------Danke für den Beitrag und die gute ERGÄNZUNG.


Und noch einer hat gerade dazu einen Artikel in der Welt am Sonntag veröffentlicht. Der 1959 geborene Autor Peter Praschl.

http://www.welt.de/kultur/medien/article125625659/Ohne-mich-Ich-bin-raus.html

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