Samstag, 30. Dezember 2017

Marina - Zwischen der Zeit #foodporn



Marina bekam die Blumenwiese.

Die japanische Goldmakrelenstücke zwischen der grünen Soße, den Blumenblüten, dem Miniklee und dem Gemüse schmeckte geschmeidig und gleichzeitig etwas wulstig auf der Zunge. Die gelähmte Frau verschob den Blumenkübel auf dem Teller mit ihrer Gabel, "Ich räum jetzt mal die Pflanzenschale ab", dachte sie, bevor diese in ihrem Mund verschwand. In ihrer Auswahl befand sich ein ganzer kleiner Garten zusammengesteckt wie in einer Playmobilwelt oder der Welt von Barbie, die es mittlerweile im XXL-Format gab. Das hätte dazu gepasst. Alles war so liebevoll arrangiert worden. Vielleicht mit Miniaturbesteck oder mit feinen Pinzetten.
Dann warf sie ein Beet mit lila Blumen um.




Dahinter steckte ein Koch voller Leidenschaft, der das Glück und die Freiheit sowie seine Familie ganz oben in seinem Leben rangieren ließ. Seit vielen Jahren kochte er in einem Schloß in Marinas Nähe. Dennoch dauerte die Fahrt durch die Winterlandschaft am Abend fast eine Stunde. Es gab Schneeregen und teilweise war der Belag auf den Straßen matschig vom Tauwetter. Es war Daniels und ihr Hochzeitstag. Und außerdem war das Abendessen bei dem Sternekoch ein Geburtstagsgeschenk für ihren Mann gewesen. Marina erinnerte sich nicht daran, jemals geplant zu haben, so aufwendig und kostspielig essen zu gehen. Obwohl sie und ihr Mann den Koch aus den Medien kannten, hatte sie ihr Weg noch nicht dort hingeführt. Ja, in die benachbarte Scheune, wo man wesentlich günstiger essen konnte, waren sie zu Weihnachten schon einmal gewesen.




"Nenn es nicht so!" Daniel fand den Begriff nicht angemessen. "Du wertest das Essen ab." Marina wehrte sich. #foodporn war doch mittlerweile ein gängiger Ausdruck für die genüßliche Völlerei und Bilder vom Essen in den sozialen Medien geworden. Während beide so am nächsten Morgen am Frühstückstisch saßen, wollte Marina noch nichts essen. Essen ging bei ihr zwar immer, aber sie träumte noch ein bißchen den Genußwolken des Vorabends nach.  Nur beim geschätzten zehnten Gang, dem Cafe Gourmand mit seinen vielen gedeckten Süßigkeiten, da hatte sie gestreikt. Aber die lebensfrohe Chefin des Hauses hatte es sich nicht nehmen lassen, diese für Marina  mitzugeben. Die standen nun neben einer kleinen Glückwunschtorte, die es auch noch am Schluß gegeben hatte, im Kühlschrank. "Diese ist für einen schönen Nachmittagskaffee gedacht", gab die charmante Frau vor.


"Die müssen hier schon gut kalkulieren", so die Ansicht der beiden neuen Gäste nach dem Menüspektakel. So viel Personal. So viele Aufmerksamkeiten. So ein sorgfältig zubereiteter Genuß, der kurze Zeit später auf einer Zunge verschwand. Gaumenfreude pur. Können pur. Wertschätzung, die garantiert war, weil das Essen und die Getränke eine besondere Güte hatten und das viele Geld wert waren.

Es gab Menschen, die legten darauf keinen Wert. Denen schmeckte gute Hausmannskost.  Aber Marina wollte am Morgen danach nichts essen. Nicht die Gedanken an den Geschmack verlieren, den das mehrgängige Menü gehabt hatte. Jedes einzelne Gericht noch mal auf den Bildern nachempfinden. Es versuchen, zu riechen. Wieder in der Phantasie zu schmecken. Die schönen Gedanken daran hinauszögern. 

Daniel wollte einkaufen gehen. Schließlich war bald Silvester und Neujahr. Marina, die dafür im Moment keinen Sinn hatte, rief ihre Mutter an. Diese kochte sich gerade Rindermettwürstchen. Mit Weißkohl und Salzkartoffeln dazu. Auch gut. Marina gab die Zutaten des Mittagessens weiter an Daniel. Das wollte sie morgen dann kochen. Aber niemals dabei vergessen, was sie an ihrem Hochzeitstag an außergewöhnlicher Kochkunst gehabt hatte. "Das können wir nicht jeden Monat machen", sagte Daniel und hielt sich die Hände an den Bauch. "Ich habe ein Kilo zugenommen."

"Wir sind mit dem König von Thailand befreundet", erzählte die beredete Restaurantfachfrau am Nebentisch. Sie war einer Auszeichnung nach Mrs. Feel Good im Hause ihres Mannes, dem Spitzenkoch. Zuhause war sie die Chefin, wie sie zugab. Von ihr konnte man viel erfahren. Ja, wer ein guter Koch war, der konnte um die ganze Welt reisen und sogar für Könige kochen, besondere Genüsse in fremdländischen Küchen kennenlernen und diese als exotische Rezepte mit passenden Zutaten nach Hause nehmen.

Nein, auch Marina brauchte das nicht alle Tage. Aber da steckte ein anderer Sinn dahinter. Sich verwöhnen lassen und es sich gut gehen lassen, war wichtig. Sich selbst etwas im Trubel der Zeit wert sein. Selber voranzugehen. "Nächstes Jahr werde ich angreifen", sagte Marina zu ihrem Mann beim Tischgespräch. Obwohl sie von den Speisen so begeistert war und sie ihr gut gefallen hatten, konnte sie diesen Gedanken fassen. Während der vier Stunden gemeinsamer Zeit im Restaurant drehte sich das meiste um die vielen Köstlichkeiten, die als Vier-Gänge-Menü mit Prolog von Paris bis Tokio in der Karte ausgeschrieben waren.

Zu Weihnachten hatte die Frau im Rollstuhl viel an andere gedacht. Geschenke gemacht. Jemanden beglückt, der sich Babysachen für die bevorstehende Geburt eines Mädchens wünschte. Einmal hatte sie mit dieser Frau zwei Menschen einer Gruppe junger afrikanischer Künstler beherbergt und man hielt den Kontakt über Facebook seit Jahren aufrecht. Die Frau war froh über das Geschenk. Und Marina auch, dass sie Gutes tat.

Und weil es Glück war - pures Glück - kam es auch wieder zurück in diesen Tagen. Kurz bevor Marina und Daniel, sich auf den Nachhauseweg vom Schloß begaben, hatte Marina aus Afrika ein Gebet gesendet bekommen. Es war von einem Künstler, der Bronzefiguren herstellte von denen Marina zwei besaß: eine lesende und eine tänzelnde Frau. 

Bientôt ta famille te dira: je suis fier de toi.
Tes amis diront: nous sommes fier de toi.    
Tes camarades diront: si nous pouvons être comme toi...
Tes ennemis diront: tu as un dieu puissant. Quand ta gloire explosera, 
la mort précoce ne te touchera pas. Tu vas exceler d'une classe à l'autre. 
Ta génération sera pleine de santé et de richesse dans le puissant nom
d' Allah. Ne sois pas égoiste et envoie cette prière aux personnes que tu aimes 
comme moi je le fais pour toi.


Und da wußte sie, woher dieses Geschenk für das beste Essen vom Koch des Jahres 2018 in Deutschland kam. "Danke", konnte Marina nur stammeln über das strenge und harte Gebet. Und ihr Selbstwertgefühl stieg. #foodporn






Hochzeitstag - die aufmerksamen Gastgeber


(Bei Übersetzungswunsch des Gebetes: bitte translate auf englisch den Gesamttext übersetzen lassen, dann zurück auf deutsch angeben)


Am 10.Januar lief in der ARD eine Dokumentation über das beste Restaurant der Welt - das Noma in Dänemark. Augen auf. Herz auf. Mund auf. Staunen.

Nur bis zum 17.Januar 2018 in der ARD-Mediathek

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